Freitag, 28. Mai 2021

Besuch im Impfkrankenhaus

Gestern war ich im Krankenhaus, um mich impfen zu lassen. Angemeldet hatte ich mich über die staatliche Website des Gesundheitsministeriums. Den Termin erhielt ich vorher per SMS, den ich innerhalb dreier Tage wahrnehmen hätte können. Verimpft werden hier Sinopharm, in Indien hergestelltes AstraZeneca und demnächst soll Sputnik V selbst im Land produziert werden. Aller Voraussicht nach hätte ich wohl AstraZeneca bekommen.

 Das Krankenhaus selbst lag in einem Arbeiterviertel. Dementsprechend waren die hygienischen Standards nach deutschen Standards nicht so gut, wie es mir von anderen Krankenhäusern berichtet wurde. Mit etwa 50-60 Personen saß man enggedrängt in einem Innenhof, der durchaus gut belüftet war. Die Organisation schien mir aber durchaus angemessen und gut funktionierend, auch wenn ich natürlich immer mal wieder Hilfe von Umstehenden bei der Übersetzung benötigte. Insgesamt fand ich das Konzept in Ordnung, schließlich sind wir ja auch in Ägypten, aber die kleine Warteschlange im kleinen Flur am Ende der Prozedur hätte wohl nicht unbedingt sein müssen.

Insgesamt fand ich es spannend, mal zu sehen, wie das hier abläuft. Abgesehen davon, war der Trip aber recht erfolglos, da sie mir eine Spritze verweigert haben. Mit gutem Grund allerdings, ich hatte ja erst Mitte März meine Covid-Infektion. Für mich wollte ich das jetzt einfach hinter mich bringen und habe es dementsprechend einfach mal versucht. Ich denke aber, dass es für das Personal spricht, dass sie das ernst nehmen. 

Überrascht hat mich, dass wirklich viele Leute da waren, da ich ja schon häufiger von einer niedrigen Impfbereitschaft hörte. Aber klar, ein Besuch in einem lokalen Krankenhaus in einem Stadtteil mit sehr hohen Bevölkerungsdichte wird wohl die Wahrnehmung hier ein wenig verzerren. Positiv hervorzuheben ist, dass es hier anscheinend auch voran geht. Aber leider nur langsam.

Laut offiziellen Zahlen haben aber erst zwei Millionen eine Erstimpfung erhalten, das ist knapp ein Fünfzigstel der Bevölkerung. Andererseits müssen es hier schon so viele gehabt haben, dass die Herdenimmunität auch so hoffentlich bald erreicht wird.

Dienstag, 25. Mai 2021

Abkühlung

Seit ein paar Tagen schon ist es deutlich kühler geworden. Endlich nur noch 33-36 Grad. Da können manche Menschen auch ohne Klimaanlage wieder normal arbeiten; ich leider brauche sie leider. Aber es ist definitiv wieder erträglich. Jetzt kann ich verstehen, warum im Sommer sämtliche Bauarbeiten, auch nachts, hier eingestellt werden. 

Donnerstag, 13. Mai 2021

Kulinarisches (I): Koshary

Koshary ist ein traditionelles ägyptisches Gericht, das meist in Läden verkauft wird, die sonst nichts anderes anbieten. 
Eine Portion Koshary macht satt. Quelle: https://www.flickr.com/photos/h-bomb/4356577541

Grundsätzlich besteht es aus Nudeln, anderen Nuden, Linsen, Kichererbsen und oft noch Reis. Dazu gibt es eine Tomatensuace („Salsa“) und Röstzwiebeln; nach Wunsch noch Knoblauchöl oder eine scharfe Sauce, die eine Belastungsprobe für innere Organe ist. Insgesamt ist es also eine Kohlenhydratsbombe mit ein paar Ballaststoffen. 

Koshary ist DAS Arme-Leute-Essen schlechthin. Verkauft wird Koshary meist in Läden, die sonst nichts anbieten, außer vielleicht einen Salat und Getränke. Für kaum 50-70 Cent bekomme ich eine Portion, die für Stunden sättigt, selbst wenn ich nicht alles packe.

Ab und an kann ich mir eine Portion gerne mal gönnen, es ist auch wirklich essbar, aber so richtig lecker, im Sinne von „Heute habe ich mal wieder richtig Lust auf Koshary“, finde ich es dann auch nicht. 

 

Dienstag, 11. Mai 2021

"Was kannst du eigentlich?"

Da ich damit bald zwei Jahre hier gelebt haben werde, drängt sich doch dem ein oder anderen Leser folgende Frage auf: "Nun sag, wie hast du’s mit der Sprache? / Du bist ein herzlich guter Mann, / Allein ich glaub, du kannst nicht viel davon." Es überwältigt mich mit Scham, so tückische Leser zu haben, die hier Wissensdurst vortäuschen, nur um mich und meine wunden Punkte in die Öffentlichkeit zu zerren, um sie dort dem Gelächter der Menschheit auszusetzen.

Nein, nicht Du, der diese Zeilen gerade jetzt liest, Du bist ehrlich, gesittet, wohlerzogen, kurz: langweilig und reizlos und von daher ein Leser, wie man ihn sich nur wünschen kann. Nein, du belästigst mich ja auch nicht mit solch impertinenten Fragen nach meinen Sprachkenntnissen, eine solche Frechheit erlaubt deine Erziehung ja auch gar nicht; diesen anderen Lesern dagegen wünsche ich, dass sie alle ihren Hausschlüssel verlegen und mindestens zehn Minuten verzweifelt danach suchen, ja, vielleicht sogar elf Minuten lang, während sie es eigentlich völlig eilig haben! Das soll ihnen mal eine Lehre sein, dass man nicht im Privatleben anderer Menschen herumschnüffelt! 

In der Tat berührt mich das Thema ein wenig unangenehm. Mein ursprünglicher Plan war es, innerhalb von wenigen Wochen die Sprache so gut zu beherrschen, dass ich mich vorstellen kann und in einfachen Situationen meine Wünsche ausdrücken kann, also im Taxi, Restaurant und so weiter. Das entspräche ungefähr Niveau A1. Anschließend hätte ich im folgenden halben Jahr Niveau A2 erreicht und im zweiten Schuljahr wenigstens B1 erreicht, womit ich schon durchaus komplexere Gespräche hätte führen können. Und spätestens in meinem dritten Jahr wäre ich - meiner Vorstellung nach - von einem Muttersprachler nicht mehr zu unterscheiden gewesen. Und wie so oft gilt: Der Mensch macht Pläne, und Gott lacht. 

Optisch ist der gute Mann nicht mehr von
einem Ägypter zu unterscheiden.
Aber was passiert, wenn er den Mund aufmacht?
 (Foto aus asch-Schalatin)

Zu meiner Verteidigung kann ich aber zwei limitierende Faktoren vorbringen, die ich in meiner ursprünglichen Rechnung nicht einkalkuliert hatte: Fehlende Sprechsituationen sowie Zeit und Kraft.

Insgesamt gibt es gar nicht so viele Situationen, in denen ich Ägyptisch-Arabisch unbedingt brauche. In der Schule spreche ich Deutsch, mit den Eltern auf Deutsch oder Englisch, mit ägyptischen Freunden auch eher Englisch. Von daher sind die natürlichen Sprechsituationen bereits durch die Rahmenbedingungen limitiert. (In Frankreich hatte ich dagegen ein viel intensiveres Sprachbad, aber eben auch mehr Zeit, die Sprache zu lernen.)

Die Zeit und Kraft war der nächste limitierende Faktor. Im ersten halben Jahr lag ich abends immer platt auf der Couch, geschafft von Schule und dem neuen Umfeld, unwillentlich noch irgendeinen Finger zu rühren, geschweige denn einen Finger zu rühren. Und obwohl ich zweimal pro Woche Arabischstunden hatte, ging der Fortschritt nur mäßig weiter. 

Meinen Lehrer, Mahmoud, sympathischer Typ Anfang vierzig, verheiratet, drei Kinder, verführte ich auch häufig zu Gesprächen über Gesellschaft und Kultur, einerseits, weil es mich wirklich interessierte und interessiert, aber auch - wohl eher unbewusst -, um dieses schrecklich anstrengende Lernen ein wenig hinauszuzögern. Trotz meiner Schüchternheit gelang es mir, ihn ganze Stunden lang in ein Gespräch zu verwickeln. Klar, dabei habe ich auch viel gelernt, aber eben nicht das, wofür ich ihn eigentlich bezahlte. In der Hinsicht war es eine bereichernde Erfahrung, mal wieder die Schulbank zu drücken, um sich in die Rolle eines Schülers zu begeben, der grundsätzlich etwas lernen möchte, nur eben nicht jetzt. Auch war und ist es eine interessante Erfahrung mithilfe einer Fremdsprache, Englisch, eine weitere Fremdsprache, Ägyptisch-Arabisch, zu lernen. Insgesamt gelingt uns das aber ganz gut.

Mein Arabisch liegt folglich deutlich unter meinen ursprünglichen Erwartungen. In alltäglichen Situationen - Taxi, Restaurant, Supermarkt - kann ich mich durchaus mitteilen, sofern nicht etwas Ungewöhnliches auftritt. Langsam bin ich dabei, die Verben von Gegenwart und Zukunft zu lernen, so dass es mir immer häufiger möglich wird, auch korrekte und ganze Sätze zu bilden. Oft ist mein Vokabular dafür noch zu klein. Es geht also voran, aber in Trippelschritten. Wenn ich es jetzt noch schaffe Vokabeln zu lernen, na dann bin ich nicht mehr aufzuhalten. 

Montag, 10. Mai 2021

Es ist heiß

 Seit Tagen haben wir 40 Grad oder mehr. Gestern war es dazu durchgehend bewölkt - bei einer Regenwahrscheinlichkeit bekam mein Handy sogar drei kleine Regentropfen ab -, es war dementsprechend stickig. Trotz Klimaanlage schwitzt man nahezu ständig, es ist anstrengend und zieht viel Energie. Jetzt kannst du als deutscher Leser vielleicht einwenden und sagen: "Bevor du dich für Ägypten entschieden hast, war es dir da nicht bewusst, dass es in ariden Wüstenländern tendenziell eher warm bis furchtbar heiß wird? Hier in Deutschland war es die letzten Wochen kalt und verregnet, es gibt also gar keinen Grund dich zu beschweren." 

Also ehrlich, Klugscheißer mag niemand. Gut, das ist auch ein Grund, weswegen ich kaum Freunde habe und wenn nur für Geld. Jedenfalls gibt eine gewisse Schwelle, in der mehr Sonne und Wärme angenehm ist, ab einem bestimmten Zeitpunkt kippt es wieder. Ok, ich merke schon, meine Gedankenergüsse voller Weisheit ergötzen gerade niemanden. Was soll ich sagen?

Es ist halt einfach heiß. 

Sonntag, 9. Mai 2021

Kleiner Blick in den Abgrund: Corona-Prognose für Ägypten

 Die Seite covid19.healthdata.org/ ist eine Seite des US-amerikanischen Institute for Health Metrics der Universität Washington (der Bundesstaat, nicht die die Stadt). Dort wird versucht, die offiziellen Daten zu Infektionen und Todeszahlen mit realistischeren Berechnungen zu vergleichen. Ebenso werden Projektionen erstellt, was vermutlich passieren wird, dazu im schlechtesten Fall und im besten Fall bei einer Maskennutzung von 95%. Die Methodik habe ich nicht ganz durchschaut, insgesamt wirkt die Seite seriös, aber vermutlich kann auch dieses eine Modell nicht alles abdecken bzw. vorhersagen. Das Modell geht meines Erachtens davon aus, dass die Dunkelziffer unter Corona-Toten recht hoch ist, aber eben abhängig vom Land. Andererseits haben sie mit einberechnet, wenn Menschen wohl ungerechtfertigterweise diesen Toten zugerechnet wurden und haben sie herausberechnet. 

Weltweit gebe es hier also 6,8 Millionen Tote statt der gemeldeten 3,2 Millionen (1. Mai 2021), insgesamt werden bis zum 1. September 9,4 Millionen vorhergesagt. Die Zahl der tatsächlichen Coronatoten wird für Deutschland hier mit knapp 120 000 Toten angegeben, allerdings kommen bis September "nur" noch 16 000 hinzu. Das Schlimmste scheint dort überstanden zu sein.

Projektion Coronatote in Deutschland. Die projizierte Line (violett) bewegt sich dabei zwischen "worst case" und bestem Falle, wenn alle Menschen eine Maske trügen.

Für Ägypten sieht die Situation insgesamt etwas unangenehmer aus. Laut der Seite gibt es bis jetzt knapp 170 000 Tote zu beklagen und landet damit auf Platz 9 im Ländervergleich mit den meisten Toten. Die ägyptische Regierung hat es in der Hinsicht recht "erfolgreich" geschafft, Ägypten aus den schlimmsten Schlagzeilen herauszuhalten, denn schlechte Nachrichten bedeuten weniger Tourismus und das möchte man unter allen Umständen vermeiden. Das einzige andere Land, dessen dramatische Zahlen recht wenig medial diskutiert wurde, ist Russland, ebenfalls ein autoritärer Staat, der versucht, die wahre Lage im Land zu vertuschen. 

Ägypten auf Platz 9 der Liste mit absoluten Todeszahlen mit 170 000 Toten (statt der gemeldeten 13 000).



Natürlich kann ich nicht sagen, ob hier bereits neue Varianten die Runde machen, die sich schneller verbreiten oder aggressiver sind, mir würde aber kein Grund einfallen, warum das nicht so sein sollte. Nach Ramadan ging die Kurve anscheinend schon einmal nach oben, dieses Mal kann es durchaus schlimmer sein. 

Projektion Coronatote in Ägypten. Spannend zu sehen, dass hier die Projektion und der "worst case" praktisch zusammenfallen.

Bis Anfang Juni werden die Zahlen hier wohl stark ansteigen, so dass auch die Quote von Toten pro 100 000 Bewohner von Indien übertroffen wird (Höchstwert Indien: 1,11/17. Mai; Höchstwert Ägypten: 1,87/1. Juni). In absoluten Zahlen würden als am kommenden Monatswechsel etwa 1850 Tote pro Tag bedeuten. Letztes Jahr nach Ramadan gab es dagegen "nur" 1200 Tote/Tag. Im Vergleich dazu scheinen in Deutschland im Januar 2021 die Zahlen auf bis zu 1300 Tote/Tag gestiegen zu sein. Man darf aber nicht vergessen, dass die Gesundheitsversorgung in Deutschland grundsätzlich besser ist, schließlich wird etwa hundertmal so viel pro Bürger hier ausgegeben. Hier werden also viele privat versuchen an Beatmungsgeräte und Sauerstoff zu gelangen, also die, die es sich leisten können. Ich kann mir also gerade nicht vorstellen, wie das nicht in einer Katastrophe enden kann. Hier habe ich es ja mit dem privilegierten Teil der Bevölkerung zu tun, doch ich befürchte, dass viele meiner Schüler bist zum Beginn des nächsten Schuljahres noch manche Verluste in ihren Familien zu beklagen haben werden.  

Bei einer Regierung, die das Interesse der Bürger in den Vordergrund stellt - und wenn nur, um bei der nächsten Wahl wiedergewählt zu werden -, könnte man sich jetzt fragen, welche Maßnahmen eingeleitet würden, um ein solches Szenario zu vermeiden. Hier aber werden Strände geschlossen, Moscheen dagegen offengelassen. Die Gläubigen gehen treffen sich also während des Ramadan in Innenräumen, um zu beten und sich dabei anzustecken und gehen anschließend zur Familie und essen gemeinsam, um sich auch da wieder anzustecken. (Aus dem gleichen Grund ging wohl die Kurve in Deutschland nach Weihnachten in die Höhe.)

Es wird also nur darum gehen: Kann die ägyptische Regierung es schaffen, die offensichtliche Katastrophe zu vertuschen? Wenn in westlichen Medien täglich über Ägypten berichtet würde wie jetzt über Indien, käme zur humanitären Katastrophe eine PR-Katastrophe hinzu. Und so traurig es klingt, letzteres scheint den Verantwortlichen hier wichtiger zu sein, um die Touristen nicht zu vergraulen. 

Wie so oft, ist der Schein hier wichtiger als die Realität. 


Freitag, 7. Mai 2021

Der raue Wind von Sonne und Sand

Vor ein paar Tagen starb ein Mitarbeiter der Schule. Im Vergleich zu einer Schule in Deutschland ist unser Mitarbeiterstab deutlich größer und besteht unter anderem aus Reinigungskräften, Busfahrern, technischen Mitarbeitern. Unsere Mitarbeiter sind in der Regel nicht alt. So auch hier.

In Ägypten weht der Wind rauer, stets mit dem Sand der Wüste, schleift er die Farben von Hausfassaden ab, durchdringt Hauswände und belegt die Lungen der Bewohner; die Sonne brennt auf die Köpfe der Bewohner, die erschöpft aufstöhnen, trotz moderner Gegenmittel wie Ventilatoren oder Klimaanlagen. 

Dieser raue Wind von Sonne und Sand bringt häufiger den Tod als in Deutschland. Viele meiner gleichaltrigen ägyptischen Freunde haben wenigstens einen Elternteil verloren. Mit 65 zu sterben ist absolut üblich, da wird die angegebene Todesursache nicht hinterfragt. In Deutschland kenne ich vielleicht zwei Leute in meinem Alter, die einen Elternteil verloren haben.

Ein Kollege, kaum fünf Jahre hier, kann sich an insgesamt drei Schüler erinnern, die während seiner Zeit gestorben sind. Einer starb im Bad, ein anderer wurde von Straßenhunden in eine Baustelle gehetzt, wo er in eine Grube fiel. Diese Liste wird durch einen Kollegen und weitere Mitarbeiter noch vergrößert.

Der raue Wind von Sand und Sonne bringt nicht nur häufiger den Tod, sondern auch Erschwernisse für die Lebenden. Ein paar Beispiele:

Menschen mit unbehandelten Klumpfüßen. Gibt es so etwas in Deutschland noch? 

Kinder, die sich auf mich stürzen wie Tauben auf ein Stück Brot, um in den Ruinen von Luxor West um Geld zu betteln.

Ein Mann bettelt an einer Abfahrt der Stadtautobahn; dabei sitzt er auf seinem Rump; wo mal seine Beine waren, sind nicht einmal die Stümpfe übriggeblieben.

Ein Mann bettelt mich an. Er sei Ingenieur gewesen und aus dem dritten Stock gefallen. Tränen in den Augen sowie der fehlende linke Unterarm verscheuchen jeden Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Aussage. 

Ein Mann ohne Arme bettelt zwischen Autos, die im Stau stehen. Selbst wenn ich ihm etwas geben wollte: Wie kann ich es ihm geben? 

Obdachlose gibt es auch in Deutschland. Aber keine Kinder. Manchmal noch Säuglinge mit ihrer Mutter, manchmal kaum vier oder fünf Jahre alt, die dürren Körper lassen die Augen noch größer erscheinen, zerrissene Kleider, der halbe Kopf kahlgefressen von Unterernährung oder einer unbehandelten Krankheit. Dabei schlafen sie oft unter einer Brücke. Nicht, um sich vor dem Regen zu schützen, sondern vor der Sonne. 

Ach ja, die Sonne. Sie brennt gerade wieder heftig auf das Land. Dabei ist Ramadan und die Menschen fasten, sie dürfen also während des Tages kein Wasser trinken. Natürlich gibt es Ausnahmen für Kranke und Schwangere. Aber die Kombination von Sonne und Fasten führt zu vermehrten Todesfällen unter älteren Menschen. 

Heute Nacht ist - ganz ohne Fasten - ein Kollege gestorben. 

Und so weht er wieder, der raue Wind von Sonne und Sand. 

Donnerstag, 6. Mai 2021

Freiheit oder Lockdown? - Coronapolitik Deutschlands und Ägyptens im Vergleich

Obwohl es nur knapp 1000 offizielle Fälle gibt - wie vor ein paar Tagen schon berichtet -, wird ab morgen das Land für zwei Wochen dichtgemacht. "Dichtmachen" heißt hier: Restaurants und Malls schließen ab 21 Uhr, Restaurants dürfen aber noch liefern. Parks und Strände werden geschlossen. Gebete in Moscheen sind nach wie vor erlaubt. Hier findet ihr mehr Infos. Dichtmachen ist hier natürlich eine deutlich, deutlich abgemilderte Fassung von einem Dichtmachen in Deutschland. Manch einer blickt also ein wenig neidisch auf die Situation hier und fragt sich: Wäre das nicht eine bessere Vorgehensweise für Deutschland gewesen, so ganz ohne Lockdown? 

Erst einmal sieht die Lage in Ägypten und ganz Afrika deutlich entspannter aus als in Deutschland. Deutschland vermeldet 83 000 Tote im Laufe der Pandemie, Ägypten 13 000, bei einer Bevölkerung, die um 1/4 größer ist. Alles entspannt also? Dagegen spricht die Situation vor Ort. Während ich unter meinen Bekannten in Deutschland, einer der wenigen bestätigten Coronafälle bin - für manche sogar der einzige in ihrem Bekanntenkreis -, sieht es in Ägypten anders aus. 

Hier gibt es kaum eine Kernfamilie mit Vater, Mutter, Kindern, in der es nicht wenigstens eine Erkrankung gibt und es gibt kaum eine Familie (also einschließlich Großeltern und Onkeln), in der es nicht wenigstens einen Todesfall gibt. In unserer Oberstufe hat es wohl wenigstens die Hälfte des Jahrgangs gehabt, vermutlich eher mehr. Viele Schüler haben dementsprechend Verwandte verloren, manche sogar einen Elternteil. Es wird allerdings nicht darüber berichtet, weder in ägyptischen noch in deutschen Medien. Ägyptische Politiker beten vermutlich jeden Tag, dass hier keine indischen Verhältnisse auftreten, so dass die wahre Situation verschleiert werden kann. (Selbst wenn indische Verhältnisse hier aufträten, heißt das nicht automatisch, dass jemand Verantwortung dafür übernehmen würde.)

Ins Krankenhaus gehen dabei nur die wenigsten. Selbst mein Arabischlehrer hat für seine Mutter Sauerstoffflaschen und Co nach Hause gebracht und sie dort versorgt, bevor sie verstarb. Soweit ich das beurteilen kann, gehört der gute Mann definitiv nicht zur Oberschicht und hat neben der Pflege auch einen enormen finanziellen Aufwand betrieben, um sie zu versorgen. Ein anderer Freund hat ebenfalls seinen Vater Zuhause versorgt, weil ein Krankenhausaufenthalt kategorisch vermieden werden musste.

Genau weiß ich nicht, was die Ursachen für die Probleme des Gesundheitssystems sind, aber ein Teil ist sicher Unterfinanzierung. So gibt Deutschland das Hundertfache pro Kopf im Gesundheitssystem aus wie Ägypten. Ein Arzt im öffentlichen Gesundheitssystem verdient knapp 16 € im Monat, genauso viel wie ein Soldat im Wehrdienst. Jetzt meinst du, verehrtester Leser vielleicht, "Moment!, da fehlen doch ein bis zwei Nullen. Das ist doch zum Leben viel zu wenig", dann hast du mit deiner Annahme vollkommen recht. Sechszehn Euro pro Monat, und dabei teilweise Schichten, die sich auf 80-100 Stunden pro Woche ansammeln können. Kein Wunder also, dass jeder Arzt versucht aus diesem System auszubrechen. 

Attraktivere Alternativen sind nämlich der Privatsektor, eine eigene Klinik eröffnen, ein Job im Westen oder eine Stelle bei Armee oder Polizei. Die Armeekrankenhäuser sollen so gut sein, dass sie die Qualität westlicher Krankenhäuser übertreffen. Aber jene sind - wer hätte es gedacht - eben nur für Armeeangehörige zugelassen; die meisten Ägypter sind sich selbst überlassen. Es ist also nicht nur ein Mangel an Ressourcen, die die Unterversorgung im Gesundheitssystem verursachen, sondern auch eine Verteilung der Ressourcen. Die Armee ist nun einmal viel wichtiger als die Bevölkerung. 

Vielen staatlichen Krankenhäusern kommt aufgrund des Vertrauensverlustes der Bevölkerung wohl mehr eine Rolle eines Hospizes zu und nur ganz verzweifelte Fälle gehen dorthin. Schließlich gibt es auch Berichte davon, dass man sich sehr einfach im Krankenhaus mit Corona angesteckt könnte, selbst wenn man es vorher nicht gehabt hätte. (Wobei solche Aussagen nicht immer ganz zu trauen ist, schließlich gibt es auch studierte Leute, die ihre Ansteckung auf "zu wenig Schlaf" zurückführen, obwohl sie kurz davor noch in Restaurants aßen, in der Mall Ski fuhren und sich auch sonst nicht einschränkten.) 

Gleichzeitig nehmen große Teile der Bevölkerung den Virus nicht besonders ernst. Es ist keine Seltenheit, dass im Supermarkt niemand die Masken aufzieht. (Auch hier verhindert die Klassengesellschaft, dass Angestellte die Kunden darauf hinweisen und eventuell auch aus dem Laden werfen.)

Nicht zuletzt ist es ein Problem, dass hier niemand die wahre Situation kennt. In Deutschland würden mehr Freiheiten auf besser informierte Bürger treffen, die ja die Inzidenzzahl in ihrem Kreis kennen und danach ihr Handeln auch ausrichten können. Hier aber wird so gut wie nicht getestet und die Tests sind viel weniger aussagekräftig als in Deutschland. Die Chance Corona zu haben und trotzdem mehrere Negativtests zu bekommen, ist hier viel größer, gleichzeitig wird viel weniger getestet. Und nur weil man positiv getestet wurde, werden die Fälle ja nicht in die offizielle Statistik mit aufgenommen. Demnach ist es für mich allein durch Medienberichte undurchschaubar, wie die tatsächliche Situation ist.

Meine Familie und Freunde, die in Deutschland unter dem Lockdown leiden, tun mir ehrlich leid, allen voran die Kinder. Die Coronapolitik der Regierung kann hier sicher unter vielen Gesichtspunkten kritisiert werden. Auch halte ich diese absolute Verbotspolitik für nicht unbedingt zielführend. Statt den Menschen die Möglichkeit zu geben sich draußen zu treffen, treffen sich sicher viele heimlich drinnen, was meines Erachtens der eigentlichen Absicht entgegenspricht. Und Regeln, die man nicht überprüfen und einfordern kann, kann man sich eigentlich auch gleich sparen. Da wären "Empfehlungen" sicher sinnvoller. 

Mein Punkt ist, dass hier in Ägypten diese "Freiheit" eben auch Konsequenzen mit sich bringt. Natürlich ist diese "Freiheit" keine echte Freiheit, denn sie entspringt hier ja aus einem Desinteresse der Regierung für die eigenen Bürger - sollen sie doch Kuchen essen! Die Infektionszahlen und Todeszahlen sind hier mindestens zehnmal, eher fünfzehnmal so groß wie offiziell verlautet. Damit lägen die Todeszahlen bei wenigstens 130 000 und ich befürchte, damit kommen wir immer noch nicht hin. Hoffentlich gehen die Infektionszahlen dank der vielen Familientreffen im Ramadan nicht völlig durch die Decke. Auszuschließen ist das meines Erachtens aber nicht.

Von daher kann meines Erachtens Ägyptens Politik gerade nicht als Vorbild für Deutschland gelten,  weil die Rahmenbedingungen dieser Freiheit eben ganz andere sind. Hier kann ich keine bewusste und informierte Entscheidung treffen, ob ich meine Wohnung verlasse, weil die tatsächliche Situation unklar ist. Was ich jetzt noch nicht berücksichtigt habe, ist die unterschiedliche Betrachtungsweise von Schicksalsschlägen, aber das ist ein Thema für eine anderes Mal.

 Auf Deutschland bezogen, denke ich, dass es noch mehr als nur die zwei Optionen "kompletter Lockdown" und "Überlastung des Gesundheitssystems" geben muss. Da gibt es sicher noch viel Luft nach oben hinsichtlich der Suche nach kreativen Lösungen, die mehr Freiheit, aber auch einen Schutz der Bevölkerung miteinander verbindet, sofern man sich von dem Wunsch nach absoluter Sicherheit verabschiedet. Da sind wir Deutschen auch ein ängstliches Volk. 

Für mich zeigen sich im direkten Vergleich beider Länder wie so oft zwei extreme Positionen. Wie so oft, halte ich einen mittleren Weg für erstrebenswert, nicht nur in der Politik, sondern gerade auch in der Mentalität.

An der Stelle würde mich tatsächlich interessieren, verehrtester aller Leser - ja, genau du, der das gerade hier liest, du bist wirklich mein Lieblingsleser; nicht die anderen, die finde ich alle doof -, wie deine Position zum Lockdown in Deutschland ist. Leidest du gerade sehr darunter?, unterstützt du die Maßnahmen? oder bist du gerade dabei eine bewaffnete Widerstandsgruppe zu gründen?  

Montag, 3. Mai 2021

Ramadan (III): Essensbestellungen

Stellen wir uns einen jungen Mann vor, charmant, dynamisch, sexy, der versucht regelmäßig zu kochen, gern auch in größeren Portionen, um die nächsten Tage von den gesunden und leckeren Vorräten zu zehren, um seinen stählernen Körper mit den notwendigen Nährstoffen zu Höchstleistungen anzuspornen. Stellen wir uns vor, er würde eines Tages in einem großen Topf Zwiebeln andünsten, dazu ein bisschen Knoblauch, klein geschnittene Karotten würden ebenfalls hineingeworfen, bevor die ca. 300 g braunen Linsen langsam eine hypothetisch entstehende Linsensuppe erahnen ließen. Eine Gemüsebrühe sowie Saft von zwei Orangen deckten die Masse ab und der Koch würde diesen Topf auf leichter Stufe weiterköcheln lassen. Wie gesagt, alles rein hypothetisch.

 Ebenfalls hypothetisch würde sich dieser muskulöse Mann für fünf Minuten hinlegen, vielleicht ist diese Erschöpfung eine Folge einer kürzlich überstandenen Corona-Infektion, wir wissen es nicht, es ist ja nur hypothetisch. Wenn aber nun diese geplanten und auch gefühlten hypothetischen fünf Minuten Schlaf nun eine hypothetisch-faktische Stunde angedauert hätten, so hätte sich in der Zwischenzeit die hypothetisch leckere Suppe mangels Aufsicht in hypothetisch-faktischen Müll verwandelt. 

 Dem geneigten Leser ist natürlich klar, dass ein solches Missgeschick auch den Besten unter uns passieren könnte und somit nur der den ersten Stein werfen sollte, der frei von Sünde ist. Wenn dieser junge, attraktive Mann aus unserem erfundenen Beispiel nun ein wenig geknickt, aber nach wie vor hungrig ist, so ist es nur nachvollziehbar, dass er auf seinem Handy eine Bestell-App öffnet, um sich Essen nach Hause liefern zu lassen, trotz des schlechten Gewissens Plastikmüll zu produzieren und weniger gesund essen zu können als ursprünglich geplant. Jetzt ist allerdings die Frage, inwiefern unterscheidet sich seine Bestellerfahrung mit und ohne Ramadan. Hierzu erfordert es eine profunde und gewissenhafte wissenschaftliche Untersuchung.

Oberfläche der Bestellapp Talabat.

 Jeder, der mich kennt, weiß, welche Opfer ich für die Wissenschaft zu bringen bereit bin und so bestellte ich bereits seit Wochen vor dem Ramadan fast täglich eine Mahlzeit, um dies mit meinen Erkenntnissen aus dem Ramadan abzugleichen. Das Ergebnis ist zwar leider keine empirische Datenbasis - meine Leidenschaft für die Wissenschaft hört eben da auf, wo die Arbeit beginnt -, aber ich habe meines Erachtens ein sehr fundiertes Gefühl, und Gefühle sind ja sowieso die Fakten des 21. Jahrhunderts. 

 Folgende Erkenntnisse sind festzuhalten:

Ohne Ramadan haben die meisten Restaurants dann geöffnet, wenn ich auch essen möchte. Das schließt Frühstück, Mittagessen, Abendessen und gegebenenfalls ein notwendiger Nachtsnack mit ein. 

 An Ramadan gibt es meist kein Frühstück, wenn ich ein Frühstück haben möchte. Dafür kann ich Essenspakete für Obdachlose ordern.

 Zu Mittag spielt man russisches Roulette. Ist mein bevorzugtes Restaurant geöffnet; nimmt es Bestellungen an, wenn es geöffnet ist; liefert es in einer angemessenen Zeit, selbst wenn es die Bestellung annimmt? Über jeder Bestellung schwebt dieses Damoklesschwert, welches ohne Ramadan nicht da wäre. Der Bestellvorgang wird also deutlich weniger vorhersehbar, weniger planbar und es kann passieren, dass man erst 30 Minuten essen kann, nachdem es eigentlich geplant war oder gezwungen ist, mit den Restaurants zu experimentieren, was selten zur Zufriedenheit ausfällt. 

 Kurz: Das Leben im Ramadan ist deutlich härter, fast feindselig, wenn es darum geht, nicht selbst kochen zu wollen. Gut, ich könnte selbst kochen, aber dazu habe ich im Moment zu viel Angst vor hypothetischen Missgeschicken. 


Sonntag, 2. Mai 2021

Ramadan (II): Alkoholkonsum

Drinkies ist die national größte Kette an Läden, die Alkohol verkauft und auch an die Haustür liefert. Im Angebot sind die drei üblichen Biersorten Heineken, Stella und Sakkara (und ihre merkwürdigen Bastardkinder), Wein sowie je eine Sorte an üblichen Schnäpsen wie Whiskey, Gin, Vodka etc. Letzteres entspricht - vorsichtig ausgedrückt - nicht dem europäischen Standard. Diese Kette schließt aber kategorisch für Ramadan, also vier Wochen lang. Somit muss der weitsichtige Alkoholkonsument vorher bestellen und sich mit Vorräten ausrüsten. Spannend finde ich dabei, dass Alkohol grundsätzlich in schwarzen, undurchsichtigen Tüten verkauft wird, so dass man von außen den Inhalt nicht erkennen kann und die Nachbarn nicht zu tuscheln beginnen; diese Tüten werden allerdings in einem "Drinkies"-Scooter geliefert, also einer Marke, die nichts anderes als alkoholische Getränke verkauft, und der "Drinkies"-Schriftzug ist natürlich von weitem lesbar, so dass die Nachbarn garantiert zu tuscheln beginnen. 

Alternativ gibt es noch andere Lieferanten, die unter der Hand liefern. Dazu gibt es anscheinend eine Liste von Namen und Telefonnummern auf Facebook. Vor ein paar Jahren hat ein wohlmeinender Zeitgenosse auch die Namen und Telefonnummern lokaler Haschischdealer hinzugefügt. Dies hat sich wohl auch wegen des öffentlichen Zugangs zu dieser Liste als kein besonders tragfähiges Konzept erwiesen und jetzt ist es wieder eine exklusive Liste von Alkoholhändler. (Mit Drogen zu dealen, kann in Ägypten mit der Todesstrafe oder lebenslanger Haft bestraft werden; gleichzeitig wird der Haschischkonsum – so wie ich das verstehe – nicht bzw. nicht streng bestraft.)

 In großen Hotels bekommt man immer noch ein Bier, man möchte ja die Touristen und zahlungskräftigen Ausländer glücklich machen; spannenderweise werden aber Ägypter dort grundsätzlich nicht mit Alkohol bedient, selbst wenn sie Kopten sind, also gar nicht fasten. Und ja, die Religion steht im Pass, diesen Umstand kann man also nachprüfen. Finde ich persönlich etwas schwierig, dass ein Teil der Bevölkerung mitverpflichtet wird, an einer religiösen Praxis teilzunehmen. Andererseits haben wir in Deutschland das Tanzverbot an Karfreitag (das Tanzverbot am Volkstrauertag ist ja nicht religiös begründet); arbeitsfreie Sonntage, religiöse Feiertage und sicher noch andere Punkte, die mir gerade nicht einfallen. Aber das Gebot wenigstens im öffentlichen Raum mitzufasten, finde ich ein wenig übergriffiger, aber darüber kann man sicher streiten.

Bevor mir aber eine alkoholkranke Lebensweise unterstellt wird: Ich trinke hier insgesamt viel weniger. Man muss hier schon mehr Mühe in Kauf nehmen, etwas zu bekommen und die Variation an Getränken ist schon recht gering. Hier kann ich viel seltener - ganz ohne Ramadan - Genusstrinken. So kenne ich z.B. nur einen Italiener, bei dem es zur Pizza auch Wein gibt. Am meisten Lust hätte ich aber mal wieder Lust auf andere Biersorten. 


Samstag, 1. Mai 2021

Ramadan (I): Der ungewöhnliche Ladenschluss und seine Vorteile

Ramadan in Deutschland und Ramadan in Ägypten spiele - wenig überraschend - in zwei unterschiedlichen Gewichtsklassen. So habe ich in Deutschland Ramadan immer nur am Rande mitbekommen, mehr zufällig als geplant. Hier dagegen wurde ich das erste Mal mit Menschen kofrontiert, die nicht wussten, wann Weihnachten beginnt. Gut, etwa zehn Prozent der Bevölkerung sind Kopten, quasi orthodoxe Christen, die im Januar feiern. Aber selbst wann das ist, ist vielen Muslimen nur so halb bewusst. (Kein Vorwurf, geht mir mit Ramadan außerhalb von Ägypten genauso.) Dagegen prägt der Ramadan das Leben hier. 

Wie betrifft Ramadan das Leben eines Menschen, der selbst nicht fastet? Im folgenden werde ich anhand dreier Punkte - Ladenschluss, Alkoholverkauf und unerwartete Beschränkungen bei der Essensbestellung - aufzeigen, wie sich der Ramadan hier für mich bemerkbar macht.

Ladenschluss

Ramadan hat neben Einschränkungen auch Vorteile. So ist eine Einschränkung, dass viele Läden mit Sonnenuntergang (oder kurz davor) schließen. Supermärkte öffnen anschließend, aber mein Friseur offensichtlich nicht. Eines Tages, ca. drei Wochen nachdem meine Frisur aufgehört hatte, respektabel auszusehen, betrat ich den Friseurladen etwa eine dreiviertel Stunde vor Ladenschluss. Normalerweise brauche ich etwa zwei Stunden dort, weil mir neben dem Haarschnitt auch noch Gesichtsmasken angeboten werden, Entfernung von Haaren in diversen Gesichtskörperöffnungen, Maniküre, Pediküre, Dampfbäder und natürlich der Haarwäsche. Gut, ich mache da nicht alles mit, und bei den meisten Sachen habe ich keine Ahnung, wofür das überhaupt gut sein soll, aber es ist günstig und ich bekomme Aufmerksamkeit. Die Hälfte der zwei Stunden Aufenthaltsdauer lässt sich vermutlich darauf zurückführen, dass sie mich die Hälfte der Zeit vergessen, aber hey!, was soll's. 

Beispiel: Zusätzliche Dienstleistungen beim Friseur,
z.B. sadistische Spiele und Gesichtsmasken.

An Ramadan lief es dann aber ein wenig anders. Es schien mir, als hätte der Friseur es nach zwölf Stunden ohne Essen und Trinken es irgendwie eilig nach Hause zu kommen. Als jemand, der auch schon mal vier Stunden unfreiwillig gefastet hat, kann ich seine Essenssehnsucht ja nur erahnen. So schnell hat mir jedenfalls noch keiner die Haare geschnitten. Und entgegen des Usus gab es kaum weitere Angebote für Gesichtspeeling, Maske und Co. Da ich es eh eilig hatte, nenne ich das mal eine Win-Win-Situation und nehme mir für die Zukunft vor, häufiger kurz vor Ladenschluss Geschäfte zu betreten, weil sich dann der Besuch auch auf das Geschäft beschränkt und man sich nicht erst setzen muss, einen Tee bekommt, ein bisschen plaudert über Gott und die Welt, bevor man sein Anliegen kundtun kann. Da merke ich doch meine pragmatisch deutsche Prägung. Außerdem rede ich ja nicht gerne.

Allerdings würde ich aber darauf verzichten, das Taxi kurz vor Sonnenuntergang zu nehmen. Denn auch diese haben es eilig nach Hause zu kommen; und fast alle anderen Verkehrsteilnehmer auch. Die Straßen sind somit zwar leerer, aber auch gefährlicher. Von daher bin ich da etwas zurückhaltender.

Donnerstag, 29. April 2021

Lagebericht April 2021

 Da ich lange nichts mehr geschrieben habe, folgt eine knappe Darstellung meiner aktuellen Lage:

 Wohnung

Eigentlich bin ich mit meiner - jetzt nicht mehr ganz so neuen - Wohnung ja zufrieden. Aber es scheint, dass ich mich mit meinen Vermietern zerstritten habe. Mal wieder. „Scheint“ deshalb, weil sie mit mir nicht mehr wirklich reden. Auf Whatsapp-Nachrichten bekomme ich keine wirkliche Antwort mehr und Versprechungen werden nicht eingehalten. Ach, und einmal hat mich die Vermieterin angeschrien. Ansonsten ist ihr Verhalten aber eher passiv-aggressiv. In einem anderen Blogpost werde ich - inshallah - mal ein wenig mehr auf die Vermieter und mich eingehen; allerdings befürchte ich gähnende Langeweile angesichts dieses profanen Themas. Es geht nämlich vor allem um Wasserhähne und um die Zuständigkeit, wer den Klempner bezahlen sollte. 

Corona

Die Lage ist grundsätzlich schwierig einzuschätzen. Die offiziellen Zahlen stiegen in den letzten vier Wochen von 700 auf knapp etwas über tausend. Leider sind diese Zahlen absolut unzuverlässig. Momentan wird berichtet, dass Krankenhäuser Patienten schon abweisen und nicht mehr genügend Sauerstoff hätten. Ob es sich hier um Einzelfälle, einzelne Hotspots oder eine allgemein angespannte Situation handelt, kann ich nicht beurteilen. In der regierungsnahen Presse wird natürlich alles heruntergespielt und behauptet, alles sei unter Kontrolle. Da vermisse ich schon die freie Presse von Zuhause. 

 Trotz der unübersichtlichen Lage habe ich keine Angst an Corona zu erkranken. Das liegt aber vor allem daran, dass ich es schon hatte. Insgesamt würde ich sagen, bei mir war es – ilhamdulillah – nur ein "mittelleichter Fall": Grippesymptome mit besonders ausgeprägter Schlappheit waren schon da; war also kein asymptomatischer Fall, andererseits hatte ich keine Atem- und gravierenden Hustenprobleme. Von daher möchte ich mich nicht beschweren. Leider hatte ich in der Zeit unglaublich viel zu korrgieren, so dass ich jetzt noch dran sitze, diese beruflichen Auswirkungen auszubaden. Nervig, aber auch nicht mehr. Nerviger ist allerdings, dass ich mich noch immer nicht so richtig fit fühle und deutlich schneller müde werde als sonst. 

 Impfungen

Auch in Ägypten wird geimpft, momentan v.a. mit einem chinesischen Präparat (Sinovac) und mit in Indien produziertes AstraZeneca. Je nach Stadteil kann man sehr schnell an einen Impftermin kommen oder eben nicht. Grundsätzlich scheint die Impfbereitschaft eher niedrig ausgeprägt zu sein. Zahlen habe ich keine, aber mir wurde das v.a. mit der Staatsferne der Bürger erklärt. Tagtäglich, jahrein, jahraus werden die Bürger hier verarscht. Die Elite kümmert sich hauptsächlich um die eigene Machtsicherung und weniger um die Belange der Menschen. Diese glauben bei dem Impfangebot sicherlich nicht daran, dass dieser Staat jetzt plötzlich deren Wohl im Blick hat, und unterstellen niedere Motive. Klar, Ägypten hat momentan sicher auch das Problem, genügend Impfstoffe zu bekommen. Es ist allerdings zu befürchten, dass die Zahl der Impfverweigerer deutlich größer bleibt als z.B. in Deutschland. 

Generell macht sich hier schon ein geringeres Verständnis für das Wesen einer Pandemie und Einhaltung von Kontaktbeschränkungen deutlich. Ja, in der Regel wird man beim Betreten eines Geschäftes oder einem Museum aufgefordert, die Maske anzuziehen und dabei wird die Temperatur gemessen. Allerdings wirkt das oft nicht überzeugender wie die Metalldetektoren, die an fast jedem Eingang stehen, aber außer in den großen Malls meist nicht einmal mit Strom versorgt werden. Nach dem Betreten nehmen die viele - aber nicht alle - Menschen ihre Masken wieder ab. 

 Schule

Das Abitur ist durch! Ich hatte zwei Abiklassen, eine in Deutsch, eine andere in Geschichte. Die schriftlichen Klausuren konnten wir im Februar schreiben lassen. Unsere Flure sind zu einer Seite hin offen, so konnten die Schüler dort schreiben. Im Februar ist es morgens noch ein wenig frisch, aber wir hatten eine recht milde Woche erwischt. Die mündlichen Prüfungen wurden aber abgesagt. Ab kommender Woche habe ich dann ein paar Stunden weniger Unterricht pro Woche, was mich doch recht freut. Für die Schüler war das definitiv ein doofes Jahr. Viele beklagten sich, die Schule finde Mittel und Wege, Prüfungen stattfinden zu lassen, aber wenn es um Festlichkeiten (oder andere schöne Dinge) geht, würden diese abgesagt. Grundsätzlich war der Stress für viele (auch uns Lehrer) deutlich höher. Insgesamt litt die Lehrer-Schüler-Beziehung schon arg unter der räumlichen Distanz. 

 Ramadan

Es ist Ramadan! Es ist schon "mein" zweiter Ramadan, aber letztes Jahr habe ich so gut wie nichts davon mitbekommen. Ihr wisst schon, wegen dieser Pandemie und so. Kurze Erinnerung: Während des Ramadan fasten die Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, können dafür nachts so viel essen wie sie möchten. Bei diesem "iftar" (=Frühstück) kommt immer die ganze Familie zusammen und futtert bis tief in die Nacht. Die Schule beginnt bei uns momentan etwas später, und hat auch die Stunden gekürzt. 

Draußen auf den Straßen gibt es oft besondere Essensangebote für Obdachlose und Arme, wobei das nicht auf diese Zielgruppen beschränkt ist. Nicht einmal auf Muslime ist es beschränkt. Die ganz großen Angebote in der Innenstadt sind auch dieses Jahr abgesagt, ansonsten scheint aber wieder mehr möglich zu sein. So sind meines Erachtens auch die Moscheen geöffnet. Angeblich darf man mit Mindestabstand und Maske beten, aber ob dass in der Praxis auch eingefordert wird, wage ich zu bezweifeln. Von daher ist zu erwarten, wie sich der Ramadan auf die Coronasituation im Land auswirkt.


Samstag, 28. November 2020

Warum mich die Klassengesellschaft bei einem Wasserschaden schlafen lässt

Letzte Woche hatte ich in meiner neuen Wohnung einen Wasserschaden und während zwei Personen dieses Wasser bekämpften und dabei beaufsichtigt wurden, konnte ich ein Zimmer weiter seelenruhig im Bett liegen. Aber der Reihe nach. 

Zuerst: Ich bin umgezogen! Gut, ehrlicherweise schon vor vier Wochen, aber ich, ähem, hatte sehr langsames Internet und der folgende Text ist sooooo gut, dass er die Datenmenge der Herr der Ringe-Trilogie (Extended Cut) mit einer 70K-Auflösung umfasst. Und da eine 70K-Technologie erst noch erfunden werden muss, könnt ihr froh sein, dass der Artikel überhaupt schon hochgeladen ist. Seid also lieber mal dankbar, dafür, dass ich euch, ähem, an meinem exklusiven Leben teilhaben lasse. Der Internetruhm, die Werbeeinnahmen und meine großen Erfolge bei den Frauen sind nur Nebengeräusche, die ich als Folge meiner Bloggertätigkeit mehr ertrage als willkommen heiße, nur um die Welt mit meinen philosophischen Gedanken zu bereichern - und um eines Tages den Weltfrieden zu verwirklichen. Dieser Blog ist absolut kein Werkzeug der Selbstdarstellung, mit dem ich mich als abenteuerlich, mutig und cool darstelle, nur um die innere Leere, um die mein Leben kreist, zu übertünchen. 

 Die weitere Wohnungssuche sowie der Umzug wären eigene Artikel wert, aber fokussieren wir auf das Wesentliche: Die neue Wohnung ist in vielen Dingen vergleichbar mit der alten Wohnung, kostet dabei aber nur etwas mehr als die Hälfte. 

 Allerdings hatte ich vor einer Woche einen Wasserrohrbruch. Natürlich nachts um halb drei. Trotz des Ärgernisses war es spannend zu sehen, wie das hier gehandhabt wird. Mein Vermieter rief mich an, weil Wasser aus meiner Wohnung offensichtlich zu einem Wasserfall im Treppenhaus führte. Eine kurze Untersuchung vor Ort zeigte ein leckes Rohr in meinem Bad – und Wasser in fast der gesamten Wohnung (vielleicht so 80 qm groß). Er weckte dann unseren bawab - jemand, der grundsätzlich auf das Haus aufpasst und auch Botengänge und kleinere Reparaturen ausführt. Meistens kommen diese aus dem Fayum oder Oberägypten und sind sozial eher gering angesehen. Also kam der bawab mit seiner Frau vorbei, stoppte den Wasserlauf und dann wischten die beiden unter der Aufsicht meines Vermieters das Wasser ab und schütteten es weg. Mein Vermieter krümmte aber nicht nur keinen Finger, sondern forderte mich auf, mich wieder ins Bett zu legen, er würde sich schon um die Angelegenheit kümmern. Und das machte ich dann natürlich auch.

 Als Internet-Celebrity werde ich dafür sicher von dem ein oder anderen Hater für diese Handlung kritisiert. Klar, aus dieser Kritik spricht sicher hauptsächlich Neid ob meiner unüberblickbaren Schar von Anhängern, Jüngern und Groupies; wenn dieser Hater aber über sich hinauswachsen könnte, wenn er nicht aus einem Reflex die Augen schließen würde im Angesicht meiner strahlenden Persönlichkeit, dann könnte er vielleicht offen sein, für den anderen sozialen Kontext hier in Ägypten, durch den meine Handlung nicht nur als akzeptabel erscheint, nein, sogar als moralisch geboten. 

 Ägypten ist eine Klassengesellschaft, in der es vor allem ein Oben und ein Unten gibt. Oben sind die mit Beziehungen und Geld und unten der ganze Rest. Eine nennenswerte Mittelschicht gibt es eigentlich kaum. In jeder Situation muss für den Ägypter also klar werden, wer das Sagen hat und wer zu gehorchen hat. In der Regel wird das durch selbstbewusste Auftreten und Befehlston schon deutlich gemacht. Bourdieu würde hier vom sozialen Kapital sprechen, von angelernten Verhaltensweisen der Oberschicht, die der Unterschicht klar machen, wo der Hammer hängt. Ein klares Abgrenzungsmerkmal vom basher zu seinem Untergebenen ist die Arbeit mit den eigenen Händen. Ein basher trägt nichts, er schleppt keine schweren Sachen, er macht sich die Hände nicht dreckig. Man muss es fast als eine Art symbolische Handlung verstehen, die ganz bewusst unterlassen wird. Das geht dann so weit, dass der Aussprich "Ich mache das" bedeutet, dass dem Untergebenen gesagt wird, was zu tun ist. Hier wird also der Untergebene - analog zu Aristoteles' Auffassung von Sklaven - als Werkzeug ohne eigenen Willen betrachtet. 

 Finde ich diesen Aspekt gut? Natürlich nicht. Und gerade zu Beginn habe ich ganz zielgerichtet versucht, das zu unterlaufen, weil sie meinem Selbstverständnis widersprachen. Im Supermarkt brauche ich niemanden, der meinen Einkaufswagen schiebt und befüllt und auch niemanden, der meine gekauften Waren eintütet. Wenn ich aber zum Beispiel meine Einkaufstüten oder meine Koffer vom Flug selbst durch das Treppenhaus nach oben trage, signalisiere ich meinem Bawab - ob ich es möchte oder nicht -, dass er seinen Job nicht ordentlich macht, was sein Selbstverständnis als guter bawab beleidigt. Besser ist es in solchen Situationen manchmal, die teilweise aufdrängende bis aufdringliche Hilfe anzunehmen und dafür fünf Pfund (ca. 30 Cent) Trinkgeld zu geben. 

 Zurück zu meinem Wasserschaden. Die Entscheidung musste also getroffen werden, ob ich nachts um halb drei für die kommenden Stunden Wasser schöpfe oder ob mich wieder hinlege. In Deutschland hätte ich schon aus Angst vor der sozialen Ächtung halbherzig mit angepackt. Hier in Ägypten aber führten mein moralischer Kompass und mein inneres Verlangen nach Schlaf gemeinsam in friedlicher Eintracht mich in mein Schlafzimmer, betteten mich, deckten mich zu und gaben mir einen Gute-Nacht-Kuss, so dass ich die kommenden Stunden friedlich wach bleiben konnte, um meinem bawab und seiner Frau beim Arbeiten zuzuhören. Am nächsten Morgen gab ich ihm dann als Dank für die nächtliche Aktion Geld, von dem er noch etwas mehr forderte und auch bekam. Insgesamt würde ich die Erfahrung als eine seltsame Mischung aus win-win und lose-lose bezeichnen. 


Montag, 16. November 2020

Ägyptische Musik: Nesma Mahgoub

Da ich in einem anderen Land lebe, bin ich natürlich auch an der hiesigen Kultur interessiert. Von daher ging ich vor einigen Wochen mit Kollege J. in die Oper, genauer gesagt, in den Garten der Oper mit Hygieneabstand und Mundschutz. Dort spielte laut seiner tiefgründigen Recherche "irgendwas Arabisches". Verbunden mit dem Veranstaltungsort stellte ich mir irgendetwas hochtrabend Klassisches vor, drei alte Säcke mit einer Oud oder so. Man sieht, ich war gut vorbereitet und meine Erwartungen an den Abend waren nicht existent. Vor Ort überraschte mich dann doch der etwas horrende Kartenpreis, statt der üblichen 3,50 € musste ich 6,50 € hinlegen. J. meinte, das läge an einem Starzuschlag, was dann nun doch meine Neugier müde weckte.

Auf der Bühne erschienen dann eben keine drei alte Säcke, sondern vier oder fünf junge Kerle, die aber nur Begleitung für die Sängerin waren: Nesma Mahgoub, eine Sängerin mit den lockigsten Haaren, kleine Statur, große Stimme. Ich muss jetzt schon vorausschicken: Das wird durch die YouTube-Videos leider nicht ganz deutlich.

Folgendes Lied könnten sogar manche kennen:


Das ist die arabsiche Version von "Let it go" aus dem Disney-Film Frozen. Nesma synchronisierte auch in beiden Teilen die Stimme der Hauptdarstellerin, also entweder Elsa oder Hannelore ... oder wie auch immer. 

Das erklärte dann auch den Starzuschlag. Am Abend selbst wechselte Nesma zwischen eigenen Songs und - meist englischsprachigen - Coverliedern hin und her. Das war durchaus gefällig und schön. Am meisten gefiel mir der Song Wujuh, vermutlich weil ich den Refrain schon beim zweiten Mal mitsingen konnte. Natürlich nur innerlich, nicht dass ich mich noch blamiere. Wujuh ist ein arabisches Wort und wenn jemand Arabisch sprechen kann, dann kann er vielleicht nicht nur was mit dem Titel anfangen, sondern auch mit dem anschließenden Text, ebenfallst Arabisch. Meine erste Deutungshypothese ist, dass sie damit irgendwelche Gefühle ausdrückt. Aber wer weiß: Vielleicht ist im Liedtext auch eine wissenschaftliche Arbeit in Politikwissenschaften versteckt. Für eine Promotion an der FU Berlin könnte das heutzutage sogar reichen.


Am meisten überraschte mich aber, dass Nesma an unserer deutschen Schule das Abitur gemacht hat. Dazu hat sie ein- oder zweimal bei "Jugend musiziert" teilgenommen - und gewonnen, bevor sie über die arabische Version von "Deutschland sucht den Superstar" bekannt wurde. Die Welt hier in Kairo ist manchmal schon ziemlich klein. 

Ihr neustes Lied kam gerade vor einem Monat heraus. Kul shams W Liha Del heißt laut Google: Jede Sonne hat ihren Schatten. (Wobei ich wenigstens die Hälfte tatsächlich verstanden habe.)


Ich wünsche einen schönen Start in die Woche.



Dienstag, 3. November 2020

Andere Länder, andere Sitten I: Für TikTok ins Gefängnis

 

Wofür kann man in Ägypten schon ins Gefängnis kommen? Zum Beispiel eine nackte Schulter in TikTok-Videos. 


Was in dem Video nicht zur Sprache kommt: Die Gefängnisse sind hier in einem katastrophalen Zustand - für Männer wie für Frauen. Übergriffe, Missbrauch und Vergewaltigungen sind hier durchaus an der Tagesordnung. Meine Achtklässler konnten letztes Jahr kaum glauben, wie die Zelle eines deutschen Jugendgefängnisses aussah, das im Buch abgebildet war (dabei war das Bild von 1998). 

Vorsicht, jetzt wird es etwas düster: So schreibt Ala al-Aswani in seinem 2004 veröffentlichten Buch von Der Jakubiyan-Bau wie ein Muslimbruder mit einem Besenstiel gefoltert wird. Zu bedenken dabei ist, dass zu der Zeit die Zensur durchaus aktiv war. Rückschluss: Der Staat wollte (und will vermutlich immer noch), dass die Bürger von diesen Praktiken wissen, um abzuschrecken. Der Zustand in den Gefängnissen ist dementsprechend keine Auswirkung von zu geringer Finanzierung - schließlich ist Ägypten ein armes Land -, sondern System. 

Montag, 2. November 2020

Ägyptische Musik: Mafia Mafia

Um mal ein wenig multimediale Abwechslung in den Blog zu bringen, möchte ich mal in regelmäßigen Abständen (höhöhö!) ägyptische Musik vorstellen. 

"Mafia Mafia" ist das erste Lied, das irgendwie hängen geblieben ist. Vermutlich liegt es daran, dass hier das Wort "Mafia" so ziemlich das Gleiche bedeutet wie Zuhause auch. Titel und Video lassen darauf schließen, dass sich der Sänger hier als ein Gangster alten Schlages inszeniert. (Vermutlich würde man das nicht erkennen, wenn man mit der hiesigen Kultur wenig zu tun hat.) 



Montag, 19. Oktober 2020

Wer Wind säht ...

Die erste Saison meines Lesewettbewerbs in der 9. Klasse ist durch. Ein Teil der Schüler hat es recht gut angenommen. Jetzt habe ich die Klasse in fünf Ligen eingeteilt, so dass Vielleser mit Viellesern konkurrieren und Wenigleser mit Weniglesern. So sollte jeder einen Anreiz haben, auch wirklich zu einem Buch zu greifen. Allerdings habe ich zwei Fehler begangen:

 1. Die Preise - Haribopackungen - lagern bei mir Zuhause und schwinden ab und an auf mysteriöse Weise, so dass ich sie nachkaufen muss. Meine Klasse ist erst am Sonntag wieder in der Schule, da die Unter- und Mittelstufe in einem zweiwöchigen Rhythmus wechselt.

2. Ich habe selbst mitgemacht. Das führt dann - temporär! - zu solchen für mich ungünstigen Momentaufnahmen:  

Temporär sieht es schlecht für mich aus. Zwei Wochen habe ich noch.

Leider wurde dieser Umstand auch schon von einem Schüler bemerkt.

Ohne Worte.

Da müssen wohl bald mal wieder mündliche Noten gemacht werden... 

Freitag, 16. Oktober 2020

Wohnungssuche, die Zweite

 Als regelrechte Achterbahnfahrt könnte man die letzten Wochen beschreiben. Doch der Reihe nach.

Meine erste Wohnungsbesichtigung war ja durchwachsen. Die meisten Wohnungen kamen schon im Aufzug auf der Fahrt nach oben kaum in Frage, da das Haus, das um die Wohnung herum gebaut war, schon kurz vor der Pensionierung stand. Vielleicht war ich ja auch einfach pingelig, aber ein Aufzug ohne Tür, der ächzend und krächzend sich hochmühte und dabei immer an die Wände des Schachtes stieß, erzeugte bei mir einfach kein großes Zutrauen. Das Interieur, das wohl selbst meiner Großmutter in ihrer Jugend als veraltet erschienen wäre und auch sonst die beste Zeit hinter sich hatte, tat sein Übriges, um mich zu überzeugen, höflich, aber bestimmt wortlos und kopfschüttelnd die Wohnung zu verlassen. Gut, vielleicht war das nicht höflich, aber wenigstens bestimmt. 

Der einzige Lichtblick war die letzte Wohnung, die wenigstens ansatzweise geschmackvoll mit Möbeln aus den 80ern versehen war und dazu günstig. Nein, das ist nicht einmal ironisch gemeint. Nur war dies die Wohnung, bei der der Vermieter eine jemenitische Familie vorschützte, um mich zu einem schnellen Abschluss zu bewegen. Von daher lehnte ich ab, gerade auch weil ich mich nicht unter Druck setzen lassen wollte.


Potentielle Wohnung. Aktuell ohne Plastik um die Möbel.

Ein ägyptischer Freund vermittelte mir dann A., einen anderen Makler. Wie sich bei unserem Treffen herausstellte war der Makler eine Maklerin, eine junge, nicht unattraktive dazu. Die Wohnungen, die sie mir zeigte, zeigten direkt ein doch etwas höhere Qualität auf, lagen aber meist an etwas lauten Hauptstraßen. Auch hier war die letzte Wohnung die überzeugendeste - der aufmerksame Leser erkennt  ein Muster. Das Interieur versprühte den Charme einer Wohnung für verdiente Stasi-Offiziere. Und in der Tat posaunte hier vor fünfzig Jahren ein Kulturzentrum des kommunistischen Bruderstaates, der DDR, das Ideal des "Realexistierendem Sozialismus" in die arabische Welt. Als Zeugen dieses Projektes blieben einige Sessel, Tische und eine Couch zurück, fern der Heimat und doch bei bester Gesundheit. Da eine Treppe direkt auf eine großzügige und gemütliche Dachterasse führte, auf der man unter Wahrung von Corona-Sicherheitsabständen eine ganze Fußballmannschaft mit Auswechselspielern und Spielerfrauen beherbergen hätte können, konnte ich nicht Nein sagen. 

DDR-Wohnung mit Vermieter (links im Bild) und
Treppe zur Dachterasse (rechts im Bild).

Zwischendurch meldete sich wieder mein alter Vermieter und trat mit mir in Verhandlungen, so dass ich weiter hier in meiner alten Wohnung bleibe. Auf meinen Vorwurf, das Preis-Leistung-Verhältnis sei nicht akzeptabel, wollte er die Miete kürzen und dafür die Wohnung verkleinern, indem er ein Zimmer der Nachbarwohnung zuschlagen würde … was so ziemlich nichts an der Ausgangssituation geändert hätte. Auf meine Forderung, den Preis zu mindern und dafür mein drittes - liebevoll Wäsche-/Abstell-/Gästezimmer genanntes - Zimmer doch mal so zu gestalten, dass ich es nutzen könnte und dazu noch den Preis zu reduzieren, kam er erwartungsgemäß nicht nach. 

Also war klar, dass ich die DDR-Wohnung nehmen würde. 

Doch dann passierte etwas typisch Ägyptisches: Der betagte Vermieter und ich waren uns einig, nur der Vertrag musste noch unterschrieben werden und eine Anzahlung geleistet werden. Doch plötzlich wollte der Vermieter, dass ich neben der Kaution - eine Kaltmiete - auch noch drei Monatsmieten zahle. Was ich ablehnte. Hingegen wollte ich über den Vertrag noch einmal jemanden drüber lesen lassen. Was ihm nicht passte, da der Vertragsabschluss ihm nicht zu schnell ginge. Auch wollte er den Vertrag nur über ein-drei Monate laufen lassen, sollte ich aber vor den Sommerferien ausziehen, wollte er, dass ich mehr zahle, weil alles andere sei ja "unfair". Eine für mich nicht ganz nachvollziehbare Argumentation.

Lange Rede, kurzer Sinn: Auf einmal zog auch er potentiell andere Mieter aus dem Hut, dieses Mal waren es Franzosen, die dann auch tatsächlich noch am gleichen Abend den Zuschlag bekamen. Auf lange Sicht ist das sicher besser so, aber mein schon fast sichere Umzug löste sich damit in Luft auf. 

Am gleichen Abend traf ich mich dann mit meiner Maklerin, wir tranken ein wenig, lästerten über den Vermieter … und kamen uns etwas näher. Das war soweit auch ganz nett, aber beim nächsten Treffen, erschien sie mir irgendwie seltsam. Ich kann jetzt nicht sagen, ob sie sich in mich verguckt hat, aber die Art der Kommunikation veränderte sich radikal, irgendwie unangenehm dazu. Die eigentlich aufgeschlossen, selbstbewussten junge Frau verwandelte sich ein Püppchen, das keinen klaren Satz mehr herausbekam und mit verträumten Augen anstierte - für meinen Geschmack zu verträumt und zu lange. Danach bekam ich auch Nachrichten à la, sie würde mich vermissen und einen Tag später - da ich nicht sofort reagierte - Hassmails und einen sofortigen Kontaktabbruch. Dann die Drohung, sie würde mein Leben ruinieren, wenn ich jemandem von unserer Liason erzählte; anschließend erneut Abbruch des Kontaktes. Das war eine etwas überraschende Dynamik. So verlor ich nicht nur die Wohnung, sondern auch meine eigentlich kompetente Maklerin innerhalb weniger Tage. Sehr bitter. Andererseits zeigt es das doch etwas verquere Geschlechterverhältnis hier in dem Land. 

Gestern traf ich mich dann wieder mit meinem alten Makler. Alle Wohnungen waren im Bereicht von "danke, reicht" bis hin zu "naja". Aber er teilte mir mit, die Wohnung, die mich beim letzten Male interessiert hätte, wäre wieder zu haben. Mal schauen, ob es dieses Mal klappt.

Auf geht die nächste Runde Achterbahn fahren.

Und von der Schule und privaten Unternehmungen habe ich ja noch gar nicht angefangen.

Freitag, 11. September 2020

In Ägypten wenig Neues: Schulstart, Haribo und Wohnungssuche

"Kurzes" Statusupdate zur Vermeidung meiner eigentlich so beliebten langen Sprachnachrichten: Wer sich für den Schulkram nicht interessiert kann auch direkt zum nächsten Abschnitt springen.

Zur Schule

Das Schuljahr ist kaum zwei Wochen alt, schon fast freue ich mich auf die Ferien, da das Schuljahr mit einem mordsmäßigem Tempo beginnt. Die Schüler gewöhnen wir gerade noch in die neuen Unterrichtsformen ein - wir haben nämlich methodisch etwas aufgerüstet -, aber schon stehen die Klassenarbeiten vor der Tür. Pädagogisch ist das nur bedingt sinnvoll, aber ich denke, es geht vor allem darum, stichfeste Noten zu bekommen. Wie sich das Schuljahr entwickeln wird, weiß ja keiner, und von daher - so meine vermutete Denkweise - möchte man eine Notenbasis schaffen, die auch gerichtsfest ist. Das ist halt auch Schule im 21. Jahrhundert. Durch häufige Einsprüche gegen Noten - von denen sicher einige auch berechtigt sind - wird so etwas leider notwendig, auch wenn der Pädagoge in mir das eher kritisch sieht. 

Bis jetzt fand der Unterricht durchgehend online statt, aber kommenden Dienstag wird immer ein Teil der Schüler in Klassenstärke in der Schule unterrichtet. Natürlich mit Hygienemaßnahmen und dem ganzen Trara. 

Obwohl mir letztes Jahr das Unterrichten von Zuhause überhaupt nicht zugesagt hat, finde ich es momentan gar nicht mehr soooo übel. So gibt es wieder Unterricht nach Stundenplan, ein Teil in Videokonferenzen, den  Rest sollen die Schüler selbst erarbeiten oder üben. Bei vielen Kollegen und auch bei mir setzt sich immer mehr das Konzept von kleinen Gruppen durch, in denen die Schüler per Videokonferenz gemeinsam an Aufgaben arbeiten. Wir benutzen Microsoft Teams und OneNote, was gut zusammenpasst. Selbst meine Fünftklässler kommen trotz kleinerer Probleme immer besser damit zurecht und es erleichtert mir das Arbeiten ungemein. Dazu habe ich selbst in den Ferien technisch aufgerüstet, und zwar mit einem Tablet und passendem elektronischem Stift. Damit kann ich einerseits Schülerarbeiten ganz praktisch korrigieren, andererseits nutze ich das als digitale Tafel. Grundsätzlich würde ich es noch gerne schaffen, dass die Schüler noch mehr miteinander arbeiten und ich mich in der Zeit ansprechbar im Hintergrund halte. Es fühlt sich an wie durchaus passende Schuhen, die aber noch eingelaufen werden müssen.

Von der Software sind wir dementsprechend recht gut aufgestellt, gerade weil es auch zwei Kollegen gab, die da sehr viel Arbeit reingesteckt haben. Das größte Problem ist in Ägypten aber die Internetverbindung. Über die sogenannte "Landline" ist eine Videokonferenz kaum möglich. Deswegen arbeite ich in der Regel von der Schule aus. Die erste Woche klappte das wunderbar, aber da haben diese Möglichkeit auch nur eine Handvoll Lehrer benutzt. Umso mehr Lehrer aber von der Schule aus unterrichten, wird das bald nicht mehr gut gehen. Bin gespannt, wie es dann weitergeht. Ständig nur mit einem Hotspot reinzugehen, kann es ja auch nicht sein …

Wohnungssuche und Co

Vermutlich werde ich aus meiner - eigentlich ganz schicken und gemütlichen - Wohnung ausziehen werde. Momentan sondiere ich noch den Wohnungsmarkt, hoffe aber in Zukunft ein-zwei hundert Euro sparen zu können, was auch die hauptsächliche Motivation für den Auszug ist. Andere Stadtteile und andere Wohnungen zu sehen, ist durchaus recht spannend. Der Ägypter an sich scheint mir meist eine andere Ästhetik zu haben als so der Deutsche an sich. Für mich wirken die Wohnungen oft aus der Zeit gefallen. Teilweise sind es Möbel, die ich dem Barock zuordnen und in einem Museum erwarten würde. Schräg … aber über Geschmack lässt sich bekanntlich (nicht) streiten. Küche und Bad sind oft zweckmäßig, nicht immer in gutem Zustand. Vorgestern wurde mir eine Wohnung gezeigt, die zwar top in Schuss war und eine sehr geräumige Dachterrasse besaß, aber die Sitzgelegenheiten für 20-30 Personen besaß. Vermutlich wenn die Großfamilie mal wieder zu Besuch ist. Das geht also - vorsichtig formuliert - an meinen Bedürfnissen vorbei. Innentüren in Aufzügen sind tendentiell eher optional. Gerade Wände auch. 

Grundsätzlich ist es ja ein beliebter Verkaufstrick, eine Ware, die man unbedingt verkaufen möchte, künstlich zu verknappen. Wir kennen alle den Spruch "nur solange der Vorrat reicht" oder auf Amazon "nur noch ein Stück auf Lager" - ganz unabhängig von der tatsächlichen Situation. Das funktioniert leider auch nur allzu gut, weswegen es ja ständig praktiziert wird.

 Bei Wohnungen werden dagegen immer andere Interessenten vorgeschützt. Gut, in Deutschland ist es ein Vermietermarkt, auf dem die Vermieter die Marktmacht haben und sich dementsprechend die Mieter (oder Käufer) aussuchen können. Hier ist es aber umgekehrt. Ganz beliebt als potentielle Mieter sind jemenitische Familien. Ich weiß jetzt nicht, ob das durch den dortigen Bürgerkrieg bedingt ist, aber diese sind bei den Ägyptern nicht sonderlich beliebt. Von einem "you have to decide until tomorrow" ging es mir aber ein wenig schnell über auf ein "you have to decide today". Und auch wenn die Wohnung echt schick ist und in einer guten Ecke liegt, will ich mich nicht unter Druck setzen lassen. Vor allem habe ich mich aber mich geärgert, dass dieser "Trick" tatsächlich erstmal fruchtete und ich mich davon habe anstecken lassen. Gut, vielleicht ist die Wohnung jetzt tatsächlich weg, aber dann kann ich immer noch sagen: "Mit mir macht ihr den Scheiß nicht, meine Freunde, mit mir nicht!" Das fühlt sich unglaublich gut an und ist mir - wenigstens bis zum Moment meines Auszuges aus der Wohnung - wichtiger als alles andere. 

Seit ich ein paar Ägypter kennengelernt habe, gefällt es mir schon deutlich besser. Jetzt lerne ich auch mal die Orte kennen, an denen man auch mal gut abhängen kann … oder einfach lecker essen kann. In den nächsten Tagen steht dann die Entscheidung an, ob ich hier verlängern soll oder nicht. Grundsätzlich hätte ich schon noch Lust auf ein Jahr oder zwei, aber momentan tendiere ich dazu, meine Zelte nach dem Jahr abzubrechen, um eine Stelle in Deutschland anzutreten … wenn ich eine passende finde. Ist mit meinen Fächern ja nicht immer ganz so einfach. 

Wegen meinen Schülern futtere ich in letzter Zeit unglaublich viel Haribo. Um sie zu animieren, mehr zu lesen, habe ich einen Lesewettbewerb ausgerufen, bei dem drei Sieger je eine Packung Haribo als Prämie erhalten. Um sie zu motivieren, habe ich die Preise bereits gekauft, um sie dann mal in die Kamera zu halten wie damals die RAF Hanns Martin Schleyer. Naja, und jetzt hofft ein kleiner Teil von mir, dass keiner der Schüler etwas liest, damit es bei der Preisverleihung nicht peinlich wird, wenn ich einfach morgens nochmal schnell in die Küche greife, um überhaupt etwas überreichen zu können. Ich sehe die enttäuschten Kinderaugen schon vor mir: "Aber Mentos hatten wir nicht abgesprochen, Herr Kafitz, erst recht nicht mit Minzgeschmack!" - "Was, Herr Kafitz, soll ich denn jetzt mit diesem Stück Parmesan machen?" - "Danke, Herr Kafitz, ich habe mir schon immer mal eine halbvolle Packung Kaffeepulver gewünscht!"

Ach was, ich treibe doch nur Schabernack! Alles nur Spaß! Niemals würde ich mein Kaffeepulver und den Parmesan freiwillig herausrücken. Dann doch lieber blamieren. Oder morgen mal nen Tag ohne Bauchschmerzen einlegen. 

Freitag, 4. September 2020

Rückblick: Mein erstes Jahr in Ägypten

 Wer den Blog mit seinen 2,5 Artikeln pro Jahr aufmerksam liest, bemerkte zu Beginn des Septembers 2019, dass der erneut aufkeimende Strom an regelmäßigen Blogbeiträgen wieder versiegte. Der Grund meines Nichtschreibens lag nicht daran, dass es nichts zu schreiben gab - im Gegenteil! Doch die Arbeit an der Schule überwältigte mich dann doch gerade im ersten Halbjahr, so dass ich oft keine Mußestunde fand, um mich wirklich hinzusetzen und meine Gedanken und Gefühle auf das digitale Papier zu ergießen. Im Nachgang betrachtet wäre das Schreiben aber nicht nur eine gute Methode gewesen, um den überquellenden Stress auch wieder abzubauen, nein, auch bedauere ich, die Entwicklung meiner Beziehung zum Land nicht genauer dokumentiert zu haben. So bleibt mir momentan nur noch meine teils wache, teils verschwommene Erinnerung an das letzte Jahr. Hiermit gelobe ich Besserung! … wie bei jedem Beitrag, der meinen Blog aus der tiefsten Versenkung heben möchte. Mal wieder. 

Wenn ich das vergangene Jahr  dem ungeduldigen Leser zeigen möchte, der vermutlich nur zufällig hier hereinstolperte und bereits auf dem Sprung  zu einer Verabredung ist, und mit einem "nur ganz kurz" diese Zeilen überfliegen möchte, so muss ich mich deutlich kürzer fassen, als es dem Jahr und meiner persönlichen Veranlagung zu verbalen Ausschweifungen gerecht wird. In dieser groben Skizze liegt aber sicher auch eine Chance, ein Mosaik aus den Steinen der Einzelerfahrungen zusammenzufügen und die einzelnen Steine dann später, sofern ich es schaffe, meinen Schreibimpuls in eine regelmäßige Gewohnheit zu gießen, später noch einmal in die Hand zu nehmen, um sie genauer zu betrachten. Inshallah - so Gott will - würde der Ägypter dazu sagen.

Das vergangene Jahr würde ich grob in unterschiedliche Phasen einteilen. Die Anfangseuphorie in den ersten sechs bis acht Wochen ging in die Phase der ersten Frustrationen über die Herausforderungen an Schule und kulturell fremder Umwelt über. Spätestens ab Dezember nahm mich die Schule mit Korrekturen völlig ein, ich war alleine dadurch völlig gestresst und unleidlich, mir selbst und meinem Umfeld gegenüber, und erst als die Halbjahreszeugnisse ausgedruckt, gestempelt, unterschrieben und ausgeteilt wurden, entspannten sich meine Nerven. Die anschließende Phase war geprägt von Ausflügen innerhalb Kairos und ins Umfeld mit seinen Bazaren, Moscheen, Pyramiden; allgemein eine Phase der Entdeckungen mit dem Gefühl in diesem doch sehr fremden Land die ersten Hürden erfolgreich überwunden zu haben. Gerade wenn ich auf diese Phase zurückblicke, bin ich unglaublich froh und dankbar so viel unternommen zu haben, denn danach - der geneigte Leser hat es vielleicht aus den Nachrichten erfahren - führte eine Pandemie dazu, dass der gesamten Welt der Stecker gezogen wurde. Angst und Einsamkeit prägten die kommenden Wochen. Angst vor einer Ansteckung, vor einer kollabierenden Gesellschaftsordnung, vor der Zombieapokalypse. Auch wenn ich als Alleinstehender Einsamkeit gewohnt bin, war diese Einsamkeit heftig. Kairo als Stadt ist bereits in pandemiefreiem Zustand ein Seelenfresser. Sofern ich es mir zeitlich leisten konnte, fühlte ich mich zum Schutz meiner mentalen Gesundheit verpflichtet wenigstens einmal monatlich diesem Moloch zu entfliehen. Einen "Lockdown" wie in westlichen Staaten gab es zwar nicht … aber mehr oder weniger ein halbes Jahr am Stück - von Tagesausflügen abgesehen - in dieser Stadt zu leben, in meinem hässlichen, verdreckten und vermülltem Viertel, ohne zu wissen wie es weitergeht, ohne Freunde und Familie, war: hart. 

Ab Ende Mai begann dann die Endphase des ersten Schuljahres unter ungewöhnlichen Bedingungen. Durch einen Ausflug nach Siwa entspannte ich mich ein wenig. In mir drängte sich nur der Wunsch in den Vordergrund, das Schuljahr nur noch halbwegs ordentlich zu beenden. Irgendwie beenden, morgens irgendwann aufzustehen, und irgendwie noch die Zeugnisse austeilen. Aushalten, durchhalten war die Devise. Der sich immer weiter nähernde Fixpunkt mit der Zeugnisausgabe half  dabei die Moral etwas über Wasser zu halten. Besonders stolz bin ich dann auf meinen frisch erworbenen Tauchschein, den ich unter nicht ganz legalen Bedingungen am Roten Meer noch machen konnte, bevor ich Anfang Juli, in nicht geringem Maße erleichtert, nach Deutschland zurückflog.

Mein erstes Jahr als Lehrer in der größten Stadt Afrikas während der größten Pandemie seit 1920 hatte ich damit überstanden.