Sonntag, 9. Mai 2021

Kleiner Blick in den Abgrund: Corona-Prognose für Ägypten

 Die Seite covid19.healthdata.org/ ist eine Seite des US-amerikanischen Institute for Health Metrics der Universität Washington (der Bundesstaat, nicht die die Stadt). Dort wird versucht, die offiziellen Daten zu Infektionen und Todeszahlen mit realistischeren Berechnungen zu vergleichen. Ebenso werden Projektionen erstellt, was vermutlich passieren wird, dazu im schlechtesten Fall und im besten Fall bei einer Maskennutzung von 95%. Die Methodik habe ich nicht ganz durchschaut, insgesamt wirkt die Seite seriös, aber vermutlich kann auch dieses eine Modell nicht alles abdecken bzw. vorhersagen. Das Modell geht meines Erachtens davon aus, dass die Dunkelziffer unter Corona-Toten recht hoch ist, aber eben abhängig vom Land. Andererseits haben sie mit einberechnet, wenn Menschen wohl ungerechtfertigterweise diesen Toten zugerechnet wurden und haben sie herausberechnet. 

Weltweit gebe es hier also 6,8 Millionen Tote statt der gemeldeten 3,2 Millionen (1. Mai 2021), insgesamt werden bis zum 1. September 9,4 Millionen vorhergesagt. Die Zahl der tatsächlichen Coronatoten wird für Deutschland hier mit knapp 120 000 Toten angegeben, allerdings kommen bis September "nur" noch 16 000 hinzu. Das Schlimmste scheint dort überstanden zu sein.

Projektion Coronatote in Deutschland. Die projizierte Line (violett) bewegt sich dabei zwischen "worst case" und bestem Falle, wenn alle Menschen eine Maske trügen.

Für Ägypten sieht die Situation insgesamt etwas unangenehmer aus. Laut der Seite gibt es bis jetzt knapp 170 000 Tote zu beklagen und landet damit auf Platz 9 im Ländervergleich mit den meisten Toten. Die ägyptische Regierung hat es in der Hinsicht recht "erfolgreich" geschafft, Ägypten aus den schlimmsten Schlagzeilen herauszuhalten, denn schlechte Nachrichten bedeuten weniger Tourismus und das möchte man unter allen Umständen vermeiden. Das einzige andere Land, dessen dramatische Zahlen recht wenig medial diskutiert wurde, ist Russland, ebenfalls ein autoritärer Staat, der versucht, die wahre Lage im Land zu vertuschen. 

Ägypten auf Platz 9 der Liste mit absoluten Todeszahlen mit 170 000 Toten (statt der gemeldeten 13 000).



Natürlich kann ich nicht sagen, ob hier bereits neue Varianten die Runde machen, die sich schneller verbreiten oder aggressiver sind, mir würde aber kein Grund einfallen, warum das nicht so sein sollte. Nach Ramadan ging die Kurve anscheinend schon einmal nach oben, dieses Mal kann es durchaus schlimmer sein. 

Projektion Coronatote in Ägypten. Spannend zu sehen, dass hier die Projektion und der "worst case" praktisch zusammenfallen.

Bis Anfang Juni werden die Zahlen hier wohl stark ansteigen, so dass auch die Quote von Toten pro 100 000 Bewohner von Indien übertroffen wird (Höchstwert Indien: 1,11/17. Mai; Höchstwert Ägypten: 1,87/1. Juni). In absoluten Zahlen würden als am kommenden Monatswechsel etwa 1850 Tote pro Tag bedeuten. Letztes Jahr nach Ramadan gab es dagegen "nur" 1200 Tote/Tag. Im Vergleich dazu scheinen in Deutschland im Januar 2021 die Zahlen auf bis zu 1300 Tote/Tag gestiegen zu sein. Man darf aber nicht vergessen, dass die Gesundheitsversorgung in Deutschland grundsätzlich besser ist, schließlich wird etwa hundertmal so viel pro Bürger hier ausgegeben. Hier werden also viele privat versuchen an Beatmungsgeräte und Sauerstoff zu gelangen, also die, die es sich leisten können. Ich kann mir also gerade nicht vorstellen, wie das nicht in einer Katastrophe enden kann. Hier habe ich es ja mit dem privilegierten Teil der Bevölkerung zu tun, doch ich befürchte, dass viele meiner Schüler bist zum Beginn des nächsten Schuljahres noch manche Verluste in ihren Familien zu beklagen haben werden.  

Bei einer Regierung, die das Interesse der Bürger in den Vordergrund stellt - und wenn nur, um bei der nächsten Wahl wiedergewählt zu werden -, könnte man sich jetzt fragen, welche Maßnahmen eingeleitet würden, um ein solches Szenario zu vermeiden. Hier aber werden Strände geschlossen, Moscheen dagegen offengelassen. Die Gläubigen gehen treffen sich also während des Ramadan in Innenräumen, um zu beten und sich dabei anzustecken und gehen anschließend zur Familie und essen gemeinsam, um sich auch da wieder anzustecken. (Aus dem gleichen Grund ging wohl die Kurve in Deutschland nach Weihnachten in die Höhe.)

Es wird also nur darum gehen: Kann die ägyptische Regierung es schaffen, die offensichtliche Katastrophe zu vertuschen? Wenn in westlichen Medien täglich über Ägypten berichtet würde wie jetzt über Indien, käme zur humanitären Katastrophe eine PR-Katastrophe hinzu. Und so traurig es klingt, letzteres scheint den Verantwortlichen hier wichtiger zu sein, um die Touristen nicht zu vergraulen. 

Wie so oft, ist der Schein hier wichtiger als die Realität. 


Freitag, 7. Mai 2021

Der raue Wind von Sonne und Sand

Vor ein paar Tagen starb ein Mitarbeiter der Schule. Im Vergleich zu einer Schule in Deutschland ist unser Mitarbeiterstab deutlich größer und besteht unter anderem aus Reinigungskräften, Busfahrern, technischen Mitarbeitern. Unsere Mitarbeiter sind in der Regel nicht alt. So auch hier.

In Ägypten weht der Wind rauer, stets mit dem Sand der Wüste, schleift er die Farben von Hausfassaden ab, durchdringt Hauswände und belegt die Lungen der Bewohner; die Sonne brennt auf die Köpfe der Bewohner, die erschöpft aufstöhnen, trotz moderner Gegenmittel wie Ventilatoren oder Klimaanlagen. 

Dieser raue Wind von Sonne und Sand bringt häufiger den Tod als in Deutschland. Viele meiner gleichaltrigen ägyptischen Freunde haben wenigstens einen Elternteil verloren. Mit 65 zu sterben ist absolut üblich, da wird die angegebene Todesursache nicht hinterfragt. In Deutschland kenne ich vielleicht zwei Leute in meinem Alter, die einen Elternteil verloren haben.

Ein Kollege, kaum fünf Jahre hier, kann sich an insgesamt drei Schüler erinnern, die während seiner Zeit gestorben sind. Einer starb im Bad, ein anderer wurde von Straßenhunden in eine Baustelle gehetzt, wo er in eine Grube fiel. Diese Liste wird durch einen Kollegen und weitere Mitarbeiter noch vergrößert.

Der raue Wind von Sand und Sonne bringt nicht nur häufiger den Tod, sondern auch Erschwernisse für die Lebenden. Ein paar Beispiele:

Menschen mit unbehandelten Klumpfüßen. Gibt es so etwas in Deutschland noch? 

Kinder, die sich auf mich stürzen wie Tauben auf ein Stück Brot, um in den Ruinen von Luxor West um Geld zu betteln.

Ein Mann bettelt an einer Abfahrt der Stadtautobahn; dabei sitzt er auf seinem Rump; wo mal seine Beine waren, sind nicht einmal die Stümpfe übriggeblieben.

Ein Mann bettelt mich an. Er sei Ingenieur gewesen und aus dem dritten Stock gefallen. Tränen in den Augen sowie der fehlende linke Unterarm verscheuchen jeden Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Aussage. 

Ein Mann ohne Arme bettelt zwischen Autos, die im Stau stehen. Selbst wenn ich ihm etwas geben wollte: Wie kann ich es ihm geben? 

Obdachlose gibt es auch in Deutschland. Aber keine Kinder. Manchmal noch Säuglinge mit ihrer Mutter, manchmal kaum vier oder fünf Jahre alt, die dürren Körper lassen die Augen noch größer erscheinen, zerrissene Kleider, der halbe Kopf kahlgefressen von Unterernährung oder einer unbehandelten Krankheit. Dabei schlafen sie oft unter einer Brücke. Nicht, um sich vor dem Regen zu schützen, sondern vor der Sonne. 

Ach ja, die Sonne. Sie brennt gerade wieder heftig auf das Land. Dabei ist Ramadan und die Menschen fasten, sie dürfen also während des Tages kein Wasser trinken. Natürlich gibt es Ausnahmen für Kranke und Schwangere. Aber die Kombination von Sonne und Fasten führt zu vermehrten Todesfällen unter älteren Menschen. 

Heute Nacht ist - ganz ohne Fasten - ein Kollege gestorben. 

Und so weht er wieder, der raue Wind von Sonne und Sand. 

Donnerstag, 6. Mai 2021

Freiheit oder Lockdown? - Coronapolitik Deutschlands und Ägyptens im Vergleich

Obwohl es nur knapp 1000 offizielle Fälle gibt - wie vor ein paar Tagen schon berichtet -, wird ab morgen das Land für zwei Wochen dichtgemacht. "Dichtmachen" heißt hier: Restaurants und Malls schließen ab 21 Uhr, Restaurants dürfen aber noch liefern. Parks und Strände werden geschlossen. Gebete in Moscheen sind nach wie vor erlaubt. Hier findet ihr mehr Infos. Dichtmachen ist hier natürlich eine deutlich, deutlich abgemilderte Fassung von einem Dichtmachen in Deutschland. Manch einer blickt also ein wenig neidisch auf die Situation hier und fragt sich: Wäre das nicht eine bessere Vorgehensweise für Deutschland gewesen, so ganz ohne Lockdown? 

Erst einmal sieht die Lage in Ägypten und ganz Afrika deutlich entspannter aus als in Deutschland. Deutschland vermeldet 83 000 Tote im Laufe der Pandemie, Ägypten 13 000, bei einer Bevölkerung, die um 1/4 größer ist. Alles entspannt also? Dagegen spricht die Situation vor Ort. Während ich unter meinen Bekannten in Deutschland, einer der wenigen bestätigten Coronafälle bin - für manche sogar der einzige in ihrem Bekanntenkreis -, sieht es in Ägypten anders aus. 

Hier gibt es kaum eine Kernfamilie mit Vater, Mutter, Kindern, in der es nicht wenigstens eine Erkrankung gibt und es gibt kaum eine Familie (also einschließlich Großeltern und Onkeln), in der es nicht wenigstens einen Todesfall gibt. In unserer Oberstufe hat es wohl wenigstens die Hälfte des Jahrgangs gehabt, vermutlich eher mehr. Viele Schüler haben dementsprechend Verwandte verloren, manche sogar einen Elternteil. Es wird allerdings nicht darüber berichtet, weder in ägyptischen noch in deutschen Medien. Ägyptische Politiker beten vermutlich jeden Tag, dass hier keine indischen Verhältnisse auftreten, so dass die wahre Situation verschleiert werden kann. (Selbst wenn indische Verhältnisse hier aufträten, heißt das nicht automatisch, dass jemand Verantwortung dafür übernehmen würde.)

Ins Krankenhaus gehen dabei nur die wenigsten. Selbst mein Arabischlehrer hat für seine Mutter Sauerstoffflaschen und Co nach Hause gebracht und sie dort versorgt, bevor sie verstarb. Soweit ich das beurteilen kann, gehört der gute Mann definitiv nicht zur Oberschicht und hat neben der Pflege auch einen enormen finanziellen Aufwand betrieben, um sie zu versorgen. Ein anderer Freund hat ebenfalls seinen Vater Zuhause versorgt, weil ein Krankenhausaufenthalt kategorisch vermieden werden musste.

Genau weiß ich nicht, was die Ursachen für die Probleme des Gesundheitssystems sind, aber ein Teil ist sicher Unterfinanzierung. So gibt Deutschland das Hundertfache pro Kopf im Gesundheitssystem aus wie Ägypten. Ein Arzt im öffentlichen Gesundheitssystem verdient knapp 16 € im Monat, genauso viel wie ein Soldat im Wehrdienst. Jetzt meinst du, verehrtester Leser vielleicht, "Moment!, da fehlen doch ein bis zwei Nullen. Das ist doch zum Leben viel zu wenig", dann hast du mit deiner Annahme vollkommen recht. Sechszehn Euro pro Monat, und dabei teilweise Schichten, die sich auf 80-100 Stunden pro Woche ansammeln können. Kein Wunder also, dass jeder Arzt versucht aus diesem System auszubrechen. 

Attraktivere Alternativen sind nämlich der Privatsektor, eine eigene Klinik eröffnen, ein Job im Westen oder eine Stelle bei Armee oder Polizei. Die Armeekrankenhäuser sollen so gut sein, dass sie die Qualität westlicher Krankenhäuser übertreffen. Aber jene sind - wer hätte es gedacht - eben nur für Armeeangehörige zugelassen; die meisten Ägypter sind sich selbst überlassen. Es ist also nicht nur ein Mangel an Ressourcen, die die Unterversorgung im Gesundheitssystem verursachen, sondern auch eine Verteilung der Ressourcen. Die Armee ist nun einmal viel wichtiger als die Bevölkerung. 

Vielen staatlichen Krankenhäusern kommt aufgrund des Vertrauensverlustes der Bevölkerung wohl mehr eine Rolle eines Hospizes zu und nur ganz verzweifelte Fälle gehen dorthin. Schließlich gibt es auch Berichte davon, dass man sich sehr einfach im Krankenhaus mit Corona angesteckt könnte, selbst wenn man es vorher nicht gehabt hätte. (Wobei solche Aussagen nicht immer ganz zu trauen ist, schließlich gibt es auch studierte Leute, die ihre Ansteckung auf "zu wenig Schlaf" zurückführen, obwohl sie kurz davor noch in Restaurants aßen, in der Mall Ski fuhren und sich auch sonst nicht einschränkten.) 

Gleichzeitig nehmen große Teile der Bevölkerung den Virus nicht besonders ernst. Es ist keine Seltenheit, dass im Supermarkt niemand die Masken aufzieht. (Auch hier verhindert die Klassengesellschaft, dass Angestellte die Kunden darauf hinweisen und eventuell auch aus dem Laden werfen.)

Nicht zuletzt ist es ein Problem, dass hier niemand die wahre Situation kennt. In Deutschland würden mehr Freiheiten auf besser informierte Bürger treffen, die ja die Inzidenzzahl in ihrem Kreis kennen und danach ihr Handeln auch ausrichten können. Hier aber wird so gut wie nicht getestet und die Tests sind viel weniger aussagekräftig als in Deutschland. Die Chance Corona zu haben und trotzdem mehrere Negativtests zu bekommen, ist hier viel größer, gleichzeitig wird viel weniger getestet. Und nur weil man positiv getestet wurde, werden die Fälle ja nicht in die offizielle Statistik mit aufgenommen. Demnach ist es für mich allein durch Medienberichte undurchschaubar, wie die tatsächliche Situation ist.

Meine Familie und Freunde, die in Deutschland unter dem Lockdown leiden, tun mir ehrlich leid, allen voran die Kinder. Die Coronapolitik der Regierung kann hier sicher unter vielen Gesichtspunkten kritisiert werden. Auch halte ich diese absolute Verbotspolitik für nicht unbedingt zielführend. Statt den Menschen die Möglichkeit zu geben sich draußen zu treffen, treffen sich sicher viele heimlich drinnen, was meines Erachtens der eigentlichen Absicht entgegenspricht. Und Regeln, die man nicht überprüfen und einfordern kann, kann man sich eigentlich auch gleich sparen. Da wären "Empfehlungen" sicher sinnvoller. 

Mein Punkt ist, dass hier in Ägypten diese "Freiheit" eben auch Konsequenzen mit sich bringt. Natürlich ist diese "Freiheit" keine echte Freiheit, denn sie entspringt hier ja aus einem Desinteresse der Regierung für die eigenen Bürger - sollen sie doch Kuchen essen! Die Infektionszahlen und Todeszahlen sind hier mindestens zehnmal, eher fünfzehnmal so groß wie offiziell verlautet. Damit lägen die Todeszahlen bei wenigstens 130 000 und ich befürchte, damit kommen wir immer noch nicht hin. Hoffentlich gehen die Infektionszahlen dank der vielen Familientreffen im Ramadan nicht völlig durch die Decke. Auszuschließen ist das meines Erachtens aber nicht.

Von daher kann meines Erachtens Ägyptens Politik gerade nicht als Vorbild für Deutschland gelten,  weil die Rahmenbedingungen dieser Freiheit eben ganz andere sind. Hier kann ich keine bewusste und informierte Entscheidung treffen, ob ich meine Wohnung verlasse, weil die tatsächliche Situation unklar ist. Was ich jetzt noch nicht berücksichtigt habe, ist die unterschiedliche Betrachtungsweise von Schicksalsschlägen, aber das ist ein Thema für eine anderes Mal.

 Auf Deutschland bezogen, denke ich, dass es noch mehr als nur die zwei Optionen "kompletter Lockdown" und "Überlastung des Gesundheitssystems" geben muss. Da gibt es sicher noch viel Luft nach oben hinsichtlich der Suche nach kreativen Lösungen, die mehr Freiheit, aber auch einen Schutz der Bevölkerung miteinander verbindet, sofern man sich von dem Wunsch nach absoluter Sicherheit verabschiedet. Da sind wir Deutschen auch ein ängstliches Volk. 

Für mich zeigen sich im direkten Vergleich beider Länder wie so oft zwei extreme Positionen. Wie so oft, halte ich einen mittleren Weg für erstrebenswert, nicht nur in der Politik, sondern gerade auch in der Mentalität.

An der Stelle würde mich tatsächlich interessieren, verehrtester aller Leser - ja, genau du, der das gerade hier liest, du bist wirklich mein Lieblingsleser; nicht die anderen, die finde ich alle doof -, wie deine Position zum Lockdown in Deutschland ist. Leidest du gerade sehr darunter?, unterstützt du die Maßnahmen? oder bist du gerade dabei eine bewaffnete Widerstandsgruppe zu gründen?  

Montag, 3. Mai 2021

Ramadan (III): Essensbestellungen

Stellen wir uns einen jungen Mann vor, charmant, dynamisch, sexy, der versucht regelmäßig zu kochen, gern auch in größeren Portionen, um die nächsten Tage von den gesunden und leckeren Vorräten zu zehren, um seinen stählernen Körper mit den notwendigen Nährstoffen zu Höchstleistungen anzuspornen. Stellen wir uns vor, er würde eines Tages in einem großen Topf Zwiebeln andünsten, dazu ein bisschen Knoblauch, klein geschnittene Karotten würden ebenfalls hineingeworfen, bevor die ca. 300 g braunen Linsen langsam eine hypothetisch entstehende Linsensuppe erahnen ließen. Eine Gemüsebrühe sowie Saft von zwei Orangen deckten die Masse ab und der Koch würde diesen Topf auf leichter Stufe weiterköcheln lassen. Wie gesagt, alles rein hypothetisch.

 Ebenfalls hypothetisch würde sich dieser muskulöse Mann für fünf Minuten hinlegen, vielleicht ist diese Erschöpfung eine Folge einer kürzlich überstandenen Corona-Infektion, wir wissen es nicht, es ist ja nur hypothetisch. Wenn aber nun diese geplanten und auch gefühlten hypothetischen fünf Minuten Schlaf nun eine hypothetisch-faktische Stunde angedauert hätten, so hätte sich in der Zwischenzeit die hypothetisch leckere Suppe mangels Aufsicht in hypothetisch-faktischen Müll verwandelt. 

 Dem geneigten Leser ist natürlich klar, dass ein solches Missgeschick auch den Besten unter uns passieren könnte und somit nur der den ersten Stein werfen sollte, der frei von Sünde ist. Wenn dieser junge, attraktive Mann aus unserem erfundenen Beispiel nun ein wenig geknickt, aber nach wie vor hungrig ist, so ist es nur nachvollziehbar, dass er auf seinem Handy eine Bestell-App öffnet, um sich Essen nach Hause liefern zu lassen, trotz des schlechten Gewissens Plastikmüll zu produzieren und weniger gesund essen zu können als ursprünglich geplant. Jetzt ist allerdings die Frage, inwiefern unterscheidet sich seine Bestellerfahrung mit und ohne Ramadan. Hierzu erfordert es eine profunde und gewissenhafte wissenschaftliche Untersuchung.

Oberfläche der Bestellapp Talabat.

 Jeder, der mich kennt, weiß, welche Opfer ich für die Wissenschaft zu bringen bereit bin und so bestellte ich bereits seit Wochen vor dem Ramadan fast täglich eine Mahlzeit, um dies mit meinen Erkenntnissen aus dem Ramadan abzugleichen. Das Ergebnis ist zwar leider keine empirische Datenbasis - meine Leidenschaft für die Wissenschaft hört eben da auf, wo die Arbeit beginnt -, aber ich habe meines Erachtens ein sehr fundiertes Gefühl, und Gefühle sind ja sowieso die Fakten des 21. Jahrhunderts. 

 Folgende Erkenntnisse sind festzuhalten:

Ohne Ramadan haben die meisten Restaurants dann geöffnet, wenn ich auch essen möchte. Das schließt Frühstück, Mittagessen, Abendessen und gegebenenfalls ein notwendiger Nachtsnack mit ein. 

 An Ramadan gibt es meist kein Frühstück, wenn ich ein Frühstück haben möchte. Dafür kann ich Essenspakete für Obdachlose ordern.

 Zu Mittag spielt man russisches Roulette. Ist mein bevorzugtes Restaurant geöffnet; nimmt es Bestellungen an, wenn es geöffnet ist; liefert es in einer angemessenen Zeit, selbst wenn es die Bestellung annimmt? Über jeder Bestellung schwebt dieses Damoklesschwert, welches ohne Ramadan nicht da wäre. Der Bestellvorgang wird also deutlich weniger vorhersehbar, weniger planbar und es kann passieren, dass man erst 30 Minuten essen kann, nachdem es eigentlich geplant war oder gezwungen ist, mit den Restaurants zu experimentieren, was selten zur Zufriedenheit ausfällt. 

 Kurz: Das Leben im Ramadan ist deutlich härter, fast feindselig, wenn es darum geht, nicht selbst kochen zu wollen. Gut, ich könnte selbst kochen, aber dazu habe ich im Moment zu viel Angst vor hypothetischen Missgeschicken. 


Sonntag, 2. Mai 2021

Ramadan (II): Alkoholkonsum

Drinkies ist die national größte Kette an Läden, die Alkohol verkauft und auch an die Haustür liefert. Im Angebot sind die drei üblichen Biersorten Heineken, Stella und Sakkara (und ihre merkwürdigen Bastardkinder), Wein sowie je eine Sorte an üblichen Schnäpsen wie Whiskey, Gin, Vodka etc. Letzteres entspricht - vorsichtig ausgedrückt - nicht dem europäischen Standard. Diese Kette schließt aber kategorisch für Ramadan, also vier Wochen lang. Somit muss der weitsichtige Alkoholkonsument vorher bestellen und sich mit Vorräten ausrüsten. Spannend finde ich dabei, dass Alkohol grundsätzlich in schwarzen, undurchsichtigen Tüten verkauft wird, so dass man von außen den Inhalt nicht erkennen kann und die Nachbarn nicht zu tuscheln beginnen; diese Tüten werden allerdings in einem "Drinkies"-Scooter geliefert, also einer Marke, die nichts anderes als alkoholische Getränke verkauft, und der "Drinkies"-Schriftzug ist natürlich von weitem lesbar, so dass die Nachbarn garantiert zu tuscheln beginnen. 

Alternativ gibt es noch andere Lieferanten, die unter der Hand liefern. Dazu gibt es anscheinend eine Liste von Namen und Telefonnummern auf Facebook. Vor ein paar Jahren hat ein wohlmeinender Zeitgenosse auch die Namen und Telefonnummern lokaler Haschischdealer hinzugefügt. Dies hat sich wohl auch wegen des öffentlichen Zugangs zu dieser Liste als kein besonders tragfähiges Konzept erwiesen und jetzt ist es wieder eine exklusive Liste von Alkoholhändler. (Mit Drogen zu dealen, kann in Ägypten mit der Todesstrafe oder lebenslanger Haft bestraft werden; gleichzeitig wird der Haschischkonsum – so wie ich das verstehe – nicht bzw. nicht streng bestraft.)

 In großen Hotels bekommt man immer noch ein Bier, man möchte ja die Touristen und zahlungskräftigen Ausländer glücklich machen; spannenderweise werden aber Ägypter dort grundsätzlich nicht mit Alkohol bedient, selbst wenn sie Kopten sind, also gar nicht fasten. Und ja, die Religion steht im Pass, diesen Umstand kann man also nachprüfen. Finde ich persönlich etwas schwierig, dass ein Teil der Bevölkerung mitverpflichtet wird, an einer religiösen Praxis teilzunehmen. Andererseits haben wir in Deutschland das Tanzverbot an Karfreitag (das Tanzverbot am Volkstrauertag ist ja nicht religiös begründet); arbeitsfreie Sonntage, religiöse Feiertage und sicher noch andere Punkte, die mir gerade nicht einfallen. Aber das Gebot wenigstens im öffentlichen Raum mitzufasten, finde ich ein wenig übergriffiger, aber darüber kann man sicher streiten.

Bevor mir aber eine alkoholkranke Lebensweise unterstellt wird: Ich trinke hier insgesamt viel weniger. Man muss hier schon mehr Mühe in Kauf nehmen, etwas zu bekommen und die Variation an Getränken ist schon recht gering. Hier kann ich viel seltener - ganz ohne Ramadan - Genusstrinken. So kenne ich z.B. nur einen Italiener, bei dem es zur Pizza auch Wein gibt. Am meisten Lust hätte ich aber mal wieder Lust auf andere Biersorten.