Donnerstag, 6. Mai 2021

Freiheit oder Lockdown? - Coronapolitik Deutschlands und Ägyptens im Vergleich

Obwohl es nur knapp 1000 offizielle Fälle gibt - wie vor ein paar Tagen schon berichtet -, wird ab morgen das Land für zwei Wochen dichtgemacht. "Dichtmachen" heißt hier: Restaurants und Malls schließen ab 21 Uhr, Restaurants dürfen aber noch liefern. Parks und Strände werden geschlossen. Gebete in Moscheen sind nach wie vor erlaubt. Hier findet ihr mehr Infos. Dichtmachen ist hier natürlich eine deutlich, deutlich abgemilderte Fassung von einem Dichtmachen in Deutschland. Manch einer blickt also ein wenig neidisch auf die Situation hier und fragt sich: Wäre das nicht eine bessere Vorgehensweise für Deutschland gewesen, so ganz ohne Lockdown? 

Erst einmal sieht die Lage in Ägypten und ganz Afrika deutlich entspannter aus als in Deutschland. Deutschland vermeldet 83 000 Tote im Laufe der Pandemie, Ägypten 13 000, bei einer Bevölkerung, die um 1/4 größer ist. Alles entspannt also? Dagegen spricht die Situation vor Ort. Während ich unter meinen Bekannten in Deutschland, einer der wenigen bestätigten Coronafälle bin - für manche sogar der einzige in ihrem Bekanntenkreis -, sieht es in Ägypten anders aus. 

Hier gibt es kaum eine Kernfamilie mit Vater, Mutter, Kindern, in der es nicht wenigstens eine Erkrankung gibt und es gibt kaum eine Familie (also einschließlich Großeltern und Onkeln), in der es nicht wenigstens einen Todesfall gibt. In unserer Oberstufe hat es wohl wenigstens die Hälfte des Jahrgangs gehabt, vermutlich eher mehr. Viele Schüler haben dementsprechend Verwandte verloren, manche sogar einen Elternteil. Es wird allerdings nicht darüber berichtet, weder in ägyptischen noch in deutschen Medien. Ägyptische Politiker beten vermutlich jeden Tag, dass hier keine indischen Verhältnisse auftreten, so dass die wahre Situation verschleiert werden kann. (Selbst wenn indische Verhältnisse hier aufträten, heißt das nicht automatisch, dass jemand Verantwortung dafür übernehmen würde.)

Ins Krankenhaus gehen dabei nur die wenigsten. Selbst mein Arabischlehrer hat für seine Mutter Sauerstoffflaschen und Co nach Hause gebracht und sie dort versorgt, bevor sie verstarb. Soweit ich das beurteilen kann, gehört der gute Mann definitiv nicht zur Oberschicht und hat neben der Pflege auch einen enormen finanziellen Aufwand betrieben, um sie zu versorgen. Ein anderer Freund hat ebenfalls seinen Vater Zuhause versorgt, weil ein Krankenhausaufenthalt kategorisch vermieden werden musste.

Genau weiß ich nicht, was die Ursachen für die Probleme des Gesundheitssystems sind, aber ein Teil ist sicher Unterfinanzierung. So gibt Deutschland das Hundertfache pro Kopf im Gesundheitssystem aus wie Ägypten. Ein Arzt im öffentlichen Gesundheitssystem verdient knapp 16 € im Monat, genauso viel wie ein Soldat im Wehrdienst. Jetzt meinst du, verehrtester Leser vielleicht, "Moment!, da fehlen doch ein bis zwei Nullen. Das ist doch zum Leben viel zu wenig", dann hast du mit deiner Annahme vollkommen recht. Sechszehn Euro pro Monat, und dabei teilweise Schichten, die sich auf 80-100 Stunden pro Woche ansammeln können. Kein Wunder also, dass jeder Arzt versucht aus diesem System auszubrechen. 

Attraktivere Alternativen sind nämlich der Privatsektor, eine eigene Klinik eröffnen, ein Job im Westen oder eine Stelle bei Armee oder Polizei. Die Armeekrankenhäuser sollen so gut sein, dass sie die Qualität westlicher Krankenhäuser übertreffen. Aber jene sind - wer hätte es gedacht - eben nur für Armeeangehörige zugelassen; die meisten Ägypter sind sich selbst überlassen. Es ist also nicht nur ein Mangel an Ressourcen, die die Unterversorgung im Gesundheitssystem verursachen, sondern auch eine Verteilung der Ressourcen. Die Armee ist nun einmal viel wichtiger als die Bevölkerung. 

Vielen staatlichen Krankenhäusern kommt aufgrund des Vertrauensverlustes der Bevölkerung wohl mehr eine Rolle eines Hospizes zu und nur ganz verzweifelte Fälle gehen dorthin. Schließlich gibt es auch Berichte davon, dass man sich sehr einfach im Krankenhaus mit Corona angesteckt könnte, selbst wenn man es vorher nicht gehabt hätte. (Wobei solche Aussagen nicht immer ganz zu trauen ist, schließlich gibt es auch studierte Leute, die ihre Ansteckung auf "zu wenig Schlaf" zurückführen, obwohl sie kurz davor noch in Restaurants aßen, in der Mall Ski fuhren und sich auch sonst nicht einschränkten.) 

Gleichzeitig nehmen große Teile der Bevölkerung den Virus nicht besonders ernst. Es ist keine Seltenheit, dass im Supermarkt niemand die Masken aufzieht. (Auch hier verhindert die Klassengesellschaft, dass Angestellte die Kunden darauf hinweisen und eventuell auch aus dem Laden werfen.)

Nicht zuletzt ist es ein Problem, dass hier niemand die wahre Situation kennt. In Deutschland würden mehr Freiheiten auf besser informierte Bürger treffen, die ja die Inzidenzzahl in ihrem Kreis kennen und danach ihr Handeln auch ausrichten können. Hier aber wird so gut wie nicht getestet und die Tests sind viel weniger aussagekräftig als in Deutschland. Die Chance Corona zu haben und trotzdem mehrere Negativtests zu bekommen, ist hier viel größer, gleichzeitig wird viel weniger getestet. Und nur weil man positiv getestet wurde, werden die Fälle ja nicht in die offizielle Statistik mit aufgenommen. Demnach ist es für mich allein durch Medienberichte undurchschaubar, wie die tatsächliche Situation ist.

Meine Familie und Freunde, die in Deutschland unter dem Lockdown leiden, tun mir ehrlich leid, allen voran die Kinder. Die Coronapolitik der Regierung kann hier sicher unter vielen Gesichtspunkten kritisiert werden. Auch halte ich diese absolute Verbotspolitik für nicht unbedingt zielführend. Statt den Menschen die Möglichkeit zu geben sich draußen zu treffen, treffen sich sicher viele heimlich drinnen, was meines Erachtens der eigentlichen Absicht entgegenspricht. Und Regeln, die man nicht überprüfen und einfordern kann, kann man sich eigentlich auch gleich sparen. Da wären "Empfehlungen" sicher sinnvoller. 

Mein Punkt ist, dass hier in Ägypten diese "Freiheit" eben auch Konsequenzen mit sich bringt. Natürlich ist diese "Freiheit" keine echte Freiheit, denn sie entspringt hier ja aus einem Desinteresse der Regierung für die eigenen Bürger - sollen sie doch Kuchen essen! Die Infektionszahlen und Todeszahlen sind hier mindestens zehnmal, eher fünfzehnmal so groß wie offiziell verlautet. Damit lägen die Todeszahlen bei wenigstens 130 000 und ich befürchte, damit kommen wir immer noch nicht hin. Hoffentlich gehen die Infektionszahlen dank der vielen Familientreffen im Ramadan nicht völlig durch die Decke. Auszuschließen ist das meines Erachtens aber nicht.

Von daher kann meines Erachtens Ägyptens Politik gerade nicht als Vorbild für Deutschland gelten,  weil die Rahmenbedingungen dieser Freiheit eben ganz andere sind. Hier kann ich keine bewusste und informierte Entscheidung treffen, ob ich meine Wohnung verlasse, weil die tatsächliche Situation unklar ist. Was ich jetzt noch nicht berücksichtigt habe, ist die unterschiedliche Betrachtungsweise von Schicksalsschlägen, aber das ist ein Thema für eine anderes Mal.

 Auf Deutschland bezogen, denke ich, dass es noch mehr als nur die zwei Optionen "kompletter Lockdown" und "Überlastung des Gesundheitssystems" geben muss. Da gibt es sicher noch viel Luft nach oben hinsichtlich der Suche nach kreativen Lösungen, die mehr Freiheit, aber auch einen Schutz der Bevölkerung miteinander verbindet, sofern man sich von dem Wunsch nach absoluter Sicherheit verabschiedet. Da sind wir Deutschen auch ein ängstliches Volk. 

Für mich zeigen sich im direkten Vergleich beider Länder wie so oft zwei extreme Positionen. Wie so oft, halte ich einen mittleren Weg für erstrebenswert, nicht nur in der Politik, sondern gerade auch in der Mentalität.

An der Stelle würde mich tatsächlich interessieren, verehrtester aller Leser - ja, genau du, der das gerade hier liest, du bist wirklich mein Lieblingsleser; nicht die anderen, die finde ich alle doof -, wie deine Position zum Lockdown in Deutschland ist. Leidest du gerade sehr darunter?, unterstützt du die Maßnahmen? oder bist du gerade dabei eine bewaffnete Widerstandsgruppe zu gründen?  

Montag, 3. Mai 2021

Ramadan (III): Essensbestellungen

Stellen wir uns einen jungen Mann vor, charmant, dynamisch, sexy, der versucht regelmäßig zu kochen, gern auch in größeren Portionen, um die nächsten Tage von den gesunden und leckeren Vorräten zu zehren, um seinen stählernen Körper mit den notwendigen Nährstoffen zu Höchstleistungen anzuspornen. Stellen wir uns vor, er würde eines Tages in einem großen Topf Zwiebeln andünsten, dazu ein bisschen Knoblauch, klein geschnittene Karotten würden ebenfalls hineingeworfen, bevor die ca. 300 g braunen Linsen langsam eine hypothetisch entstehende Linsensuppe erahnen ließen. Eine Gemüsebrühe sowie Saft von zwei Orangen deckten die Masse ab und der Koch würde diesen Topf auf leichter Stufe weiterköcheln lassen. Wie gesagt, alles rein hypothetisch.

 Ebenfalls hypothetisch würde sich dieser muskulöse Mann für fünf Minuten hinlegen, vielleicht ist diese Erschöpfung eine Folge einer kürzlich überstandenen Corona-Infektion, wir wissen es nicht, es ist ja nur hypothetisch. Wenn aber nun diese geplanten und auch gefühlten hypothetischen fünf Minuten Schlaf nun eine hypothetisch-faktische Stunde angedauert hätten, so hätte sich in der Zwischenzeit die hypothetisch leckere Suppe mangels Aufsicht in hypothetisch-faktischen Müll verwandelt. 

 Dem geneigten Leser ist natürlich klar, dass ein solches Missgeschick auch den Besten unter uns passieren könnte und somit nur der den ersten Stein werfen sollte, der frei von Sünde ist. Wenn dieser junge, attraktive Mann aus unserem erfundenen Beispiel nun ein wenig geknickt, aber nach wie vor hungrig ist, so ist es nur nachvollziehbar, dass er auf seinem Handy eine Bestell-App öffnet, um sich Essen nach Hause liefern zu lassen, trotz des schlechten Gewissens Plastikmüll zu produzieren und weniger gesund essen zu können als ursprünglich geplant. Jetzt ist allerdings die Frage, inwiefern unterscheidet sich seine Bestellerfahrung mit und ohne Ramadan. Hierzu erfordert es eine profunde und gewissenhafte wissenschaftliche Untersuchung.

Oberfläche der Bestellapp Talabat.

 Jeder, der mich kennt, weiß, welche Opfer ich für die Wissenschaft zu bringen bereit bin und so bestellte ich bereits seit Wochen vor dem Ramadan fast täglich eine Mahlzeit, um dies mit meinen Erkenntnissen aus dem Ramadan abzugleichen. Das Ergebnis ist zwar leider keine empirische Datenbasis - meine Leidenschaft für die Wissenschaft hört eben da auf, wo die Arbeit beginnt -, aber ich habe meines Erachtens ein sehr fundiertes Gefühl, und Gefühle sind ja sowieso die Fakten des 21. Jahrhunderts. 

 Folgende Erkenntnisse sind festzuhalten:

Ohne Ramadan haben die meisten Restaurants dann geöffnet, wenn ich auch essen möchte. Das schließt Frühstück, Mittagessen, Abendessen und gegebenenfalls ein notwendiger Nachtsnack mit ein. 

 An Ramadan gibt es meist kein Frühstück, wenn ich ein Frühstück haben möchte. Dafür kann ich Essenspakete für Obdachlose ordern.

 Zu Mittag spielt man russisches Roulette. Ist mein bevorzugtes Restaurant geöffnet; nimmt es Bestellungen an, wenn es geöffnet ist; liefert es in einer angemessenen Zeit, selbst wenn es die Bestellung annimmt? Über jeder Bestellung schwebt dieses Damoklesschwert, welches ohne Ramadan nicht da wäre. Der Bestellvorgang wird also deutlich weniger vorhersehbar, weniger planbar und es kann passieren, dass man erst 30 Minuten essen kann, nachdem es eigentlich geplant war oder gezwungen ist, mit den Restaurants zu experimentieren, was selten zur Zufriedenheit ausfällt. 

 Kurz: Das Leben im Ramadan ist deutlich härter, fast feindselig, wenn es darum geht, nicht selbst kochen zu wollen. Gut, ich könnte selbst kochen, aber dazu habe ich im Moment zu viel Angst vor hypothetischen Missgeschicken. 


Sonntag, 2. Mai 2021

Ramadan (II): Alkoholkonsum

Drinkies ist die national größte Kette an Läden, die Alkohol verkauft und auch an die Haustür liefert. Im Angebot sind die drei üblichen Biersorten Heineken, Stella und Sakkara (und ihre merkwürdigen Bastardkinder), Wein sowie je eine Sorte an üblichen Schnäpsen wie Whiskey, Gin, Vodka etc. Letzteres entspricht - vorsichtig ausgedrückt - nicht dem europäischen Standard. Diese Kette schließt aber kategorisch für Ramadan, also vier Wochen lang. Somit muss der weitsichtige Alkoholkonsument vorher bestellen und sich mit Vorräten ausrüsten. Spannend finde ich dabei, dass Alkohol grundsätzlich in schwarzen, undurchsichtigen Tüten verkauft wird, so dass man von außen den Inhalt nicht erkennen kann und die Nachbarn nicht zu tuscheln beginnen; diese Tüten werden allerdings in einem "Drinkies"-Scooter geliefert, also einer Marke, die nichts anderes als alkoholische Getränke verkauft, und der "Drinkies"-Schriftzug ist natürlich von weitem lesbar, so dass die Nachbarn garantiert zu tuscheln beginnen. 

Alternativ gibt es noch andere Lieferanten, die unter der Hand liefern. Dazu gibt es anscheinend eine Liste von Namen und Telefonnummern auf Facebook. Vor ein paar Jahren hat ein wohlmeinender Zeitgenosse auch die Namen und Telefonnummern lokaler Haschischdealer hinzugefügt. Dies hat sich wohl auch wegen des öffentlichen Zugangs zu dieser Liste als kein besonders tragfähiges Konzept erwiesen und jetzt ist es wieder eine exklusive Liste von Alkoholhändler. (Mit Drogen zu dealen, kann in Ägypten mit der Todesstrafe oder lebenslanger Haft bestraft werden; gleichzeitig wird der Haschischkonsum – so wie ich das verstehe – nicht bzw. nicht streng bestraft.)

 In großen Hotels bekommt man immer noch ein Bier, man möchte ja die Touristen und zahlungskräftigen Ausländer glücklich machen; spannenderweise werden aber Ägypter dort grundsätzlich nicht mit Alkohol bedient, selbst wenn sie Kopten sind, also gar nicht fasten. Und ja, die Religion steht im Pass, diesen Umstand kann man also nachprüfen. Finde ich persönlich etwas schwierig, dass ein Teil der Bevölkerung mitverpflichtet wird, an einer religiösen Praxis teilzunehmen. Andererseits haben wir in Deutschland das Tanzverbot an Karfreitag (das Tanzverbot am Volkstrauertag ist ja nicht religiös begründet); arbeitsfreie Sonntage, religiöse Feiertage und sicher noch andere Punkte, die mir gerade nicht einfallen. Aber das Gebot wenigstens im öffentlichen Raum mitzufasten, finde ich ein wenig übergriffiger, aber darüber kann man sicher streiten.

Bevor mir aber eine alkoholkranke Lebensweise unterstellt wird: Ich trinke hier insgesamt viel weniger. Man muss hier schon mehr Mühe in Kauf nehmen, etwas zu bekommen und die Variation an Getränken ist schon recht gering. Hier kann ich viel seltener - ganz ohne Ramadan - Genusstrinken. So kenne ich z.B. nur einen Italiener, bei dem es zur Pizza auch Wein gibt. Am meisten Lust hätte ich aber mal wieder Lust auf andere Biersorten. 


Samstag, 1. Mai 2021

Ramadan (I): Der ungewöhnliche Ladenschluss und seine Vorteile

Ramadan in Deutschland und Ramadan in Ägypten spiele - wenig überraschend - in zwei unterschiedlichen Gewichtsklassen. So habe ich in Deutschland Ramadan immer nur am Rande mitbekommen, mehr zufällig als geplant. Hier dagegen wurde ich das erste Mal mit Menschen kofrontiert, die nicht wussten, wann Weihnachten beginnt. Gut, etwa zehn Prozent der Bevölkerung sind Kopten, quasi orthodoxe Christen, die im Januar feiern. Aber selbst wann das ist, ist vielen Muslimen nur so halb bewusst. (Kein Vorwurf, geht mir mit Ramadan außerhalb von Ägypten genauso.) Dagegen prägt der Ramadan das Leben hier. 

Wie betrifft Ramadan das Leben eines Menschen, der selbst nicht fastet? Im folgenden werde ich anhand dreier Punkte - Ladenschluss, Alkoholverkauf und unerwartete Beschränkungen bei der Essensbestellung - aufzeigen, wie sich der Ramadan hier für mich bemerkbar macht.

Ladenschluss

Ramadan hat neben Einschränkungen auch Vorteile. So ist eine Einschränkung, dass viele Läden mit Sonnenuntergang (oder kurz davor) schließen. Supermärkte öffnen anschließend, aber mein Friseur offensichtlich nicht. Eines Tages, ca. drei Wochen nachdem meine Frisur aufgehört hatte, respektabel auszusehen, betrat ich den Friseurladen etwa eine dreiviertel Stunde vor Ladenschluss. Normalerweise brauche ich etwa zwei Stunden dort, weil mir neben dem Haarschnitt auch noch Gesichtsmasken angeboten werden, Entfernung von Haaren in diversen Gesichtskörperöffnungen, Maniküre, Pediküre, Dampfbäder und natürlich der Haarwäsche. Gut, ich mache da nicht alles mit, und bei den meisten Sachen habe ich keine Ahnung, wofür das überhaupt gut sein soll, aber es ist günstig und ich bekomme Aufmerksamkeit. Die Hälfte der zwei Stunden Aufenthaltsdauer lässt sich vermutlich darauf zurückführen, dass sie mich die Hälfte der Zeit vergessen, aber hey!, was soll's. 

Beispiel: Zusätzliche Dienstleistungen beim Friseur,
z.B. sadistische Spiele und Gesichtsmasken.

An Ramadan lief es dann aber ein wenig anders. Es schien mir, als hätte der Friseur es nach zwölf Stunden ohne Essen und Trinken es irgendwie eilig nach Hause zu kommen. Als jemand, der auch schon mal vier Stunden unfreiwillig gefastet hat, kann ich seine Essenssehnsucht ja nur erahnen. So schnell hat mir jedenfalls noch keiner die Haare geschnitten. Und entgegen des Usus gab es kaum weitere Angebote für Gesichtspeeling, Maske und Co. Da ich es eh eilig hatte, nenne ich das mal eine Win-Win-Situation und nehme mir für die Zukunft vor, häufiger kurz vor Ladenschluss Geschäfte zu betreten, weil sich dann der Besuch auch auf das Geschäft beschränkt und man sich nicht erst setzen muss, einen Tee bekommt, ein bisschen plaudert über Gott und die Welt, bevor man sein Anliegen kundtun kann. Da merke ich doch meine pragmatisch deutsche Prägung. Außerdem rede ich ja nicht gerne.

Allerdings würde ich aber darauf verzichten, das Taxi kurz vor Sonnenuntergang zu nehmen. Denn auch diese haben es eilig nach Hause zu kommen; und fast alle anderen Verkehrsteilnehmer auch. Die Straßen sind somit zwar leerer, aber auch gefährlicher. Von daher bin ich da etwas zurückhaltender.

Donnerstag, 29. April 2021

Lagebericht April 2021

 Da ich lange nichts mehr geschrieben habe, folgt eine knappe Darstellung meiner aktuellen Lage:

 Wohnung

Eigentlich bin ich mit meiner - jetzt nicht mehr ganz so neuen - Wohnung ja zufrieden. Aber es scheint, dass ich mich mit meinen Vermietern zerstritten habe. Mal wieder. „Scheint“ deshalb, weil sie mit mir nicht mehr wirklich reden. Auf Whatsapp-Nachrichten bekomme ich keine wirkliche Antwort mehr und Versprechungen werden nicht eingehalten. Ach, und einmal hat mich die Vermieterin angeschrien. Ansonsten ist ihr Verhalten aber eher passiv-aggressiv. In einem anderen Blogpost werde ich - inshallah - mal ein wenig mehr auf die Vermieter und mich eingehen; allerdings befürchte ich gähnende Langeweile angesichts dieses profanen Themas. Es geht nämlich vor allem um Wasserhähne und um die Zuständigkeit, wer den Klempner bezahlen sollte. 

Corona

Die Lage ist grundsätzlich schwierig einzuschätzen. Die offiziellen Zahlen stiegen in den letzten vier Wochen von 700 auf knapp etwas über tausend. Leider sind diese Zahlen absolut unzuverlässig. Momentan wird berichtet, dass Krankenhäuser Patienten schon abweisen und nicht mehr genügend Sauerstoff hätten. Ob es sich hier um Einzelfälle, einzelne Hotspots oder eine allgemein angespannte Situation handelt, kann ich nicht beurteilen. In der regierungsnahen Presse wird natürlich alles heruntergespielt und behauptet, alles sei unter Kontrolle. Da vermisse ich schon die freie Presse von Zuhause. 

 Trotz der unübersichtlichen Lage habe ich keine Angst an Corona zu erkranken. Das liegt aber vor allem daran, dass ich es schon hatte. Insgesamt würde ich sagen, bei mir war es – ilhamdulillah – nur ein "mittelleichter Fall": Grippesymptome mit besonders ausgeprägter Schlappheit waren schon da; war also kein asymptomatischer Fall, andererseits hatte ich keine Atem- und gravierenden Hustenprobleme. Von daher möchte ich mich nicht beschweren. Leider hatte ich in der Zeit unglaublich viel zu korrgieren, so dass ich jetzt noch dran sitze, diese beruflichen Auswirkungen auszubaden. Nervig, aber auch nicht mehr. Nerviger ist allerdings, dass ich mich noch immer nicht so richtig fit fühle und deutlich schneller müde werde als sonst. 

 Impfungen

Auch in Ägypten wird geimpft, momentan v.a. mit einem chinesischen Präparat (Sinovac) und mit in Indien produziertes AstraZeneca. Je nach Stadteil kann man sehr schnell an einen Impftermin kommen oder eben nicht. Grundsätzlich scheint die Impfbereitschaft eher niedrig ausgeprägt zu sein. Zahlen habe ich keine, aber mir wurde das v.a. mit der Staatsferne der Bürger erklärt. Tagtäglich, jahrein, jahraus werden die Bürger hier verarscht. Die Elite kümmert sich hauptsächlich um die eigene Machtsicherung und weniger um die Belange der Menschen. Diese glauben bei dem Impfangebot sicherlich nicht daran, dass dieser Staat jetzt plötzlich deren Wohl im Blick hat, und unterstellen niedere Motive. Klar, Ägypten hat momentan sicher auch das Problem, genügend Impfstoffe zu bekommen. Es ist allerdings zu befürchten, dass die Zahl der Impfverweigerer deutlich größer bleibt als z.B. in Deutschland. 

Generell macht sich hier schon ein geringeres Verständnis für das Wesen einer Pandemie und Einhaltung von Kontaktbeschränkungen deutlich. Ja, in der Regel wird man beim Betreten eines Geschäftes oder einem Museum aufgefordert, die Maske anzuziehen und dabei wird die Temperatur gemessen. Allerdings wirkt das oft nicht überzeugender wie die Metalldetektoren, die an fast jedem Eingang stehen, aber außer in den großen Malls meist nicht einmal mit Strom versorgt werden. Nach dem Betreten nehmen die viele - aber nicht alle - Menschen ihre Masken wieder ab. 

 Schule

Das Abitur ist durch! Ich hatte zwei Abiklassen, eine in Deutsch, eine andere in Geschichte. Die schriftlichen Klausuren konnten wir im Februar schreiben lassen. Unsere Flure sind zu einer Seite hin offen, so konnten die Schüler dort schreiben. Im Februar ist es morgens noch ein wenig frisch, aber wir hatten eine recht milde Woche erwischt. Die mündlichen Prüfungen wurden aber abgesagt. Ab kommender Woche habe ich dann ein paar Stunden weniger Unterricht pro Woche, was mich doch recht freut. Für die Schüler war das definitiv ein doofes Jahr. Viele beklagten sich, die Schule finde Mittel und Wege, Prüfungen stattfinden zu lassen, aber wenn es um Festlichkeiten (oder andere schöne Dinge) geht, würden diese abgesagt. Grundsätzlich war der Stress für viele (auch uns Lehrer) deutlich höher. Insgesamt litt die Lehrer-Schüler-Beziehung schon arg unter der räumlichen Distanz. 

 Ramadan

Es ist Ramadan! Es ist schon "mein" zweiter Ramadan, aber letztes Jahr habe ich so gut wie nichts davon mitbekommen. Ihr wisst schon, wegen dieser Pandemie und so. Kurze Erinnerung: Während des Ramadan fasten die Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, können dafür nachts so viel essen wie sie möchten. Bei diesem "iftar" (=Frühstück) kommt immer die ganze Familie zusammen und futtert bis tief in die Nacht. Die Schule beginnt bei uns momentan etwas später, und hat auch die Stunden gekürzt. 

Draußen auf den Straßen gibt es oft besondere Essensangebote für Obdachlose und Arme, wobei das nicht auf diese Zielgruppen beschränkt ist. Nicht einmal auf Muslime ist es beschränkt. Die ganz großen Angebote in der Innenstadt sind auch dieses Jahr abgesagt, ansonsten scheint aber wieder mehr möglich zu sein. So sind meines Erachtens auch die Moscheen geöffnet. Angeblich darf man mit Mindestabstand und Maske beten, aber ob dass in der Praxis auch eingefordert wird, wage ich zu bezweifeln. Von daher ist zu erwarten, wie sich der Ramadan auf die Coronasituation im Land auswirkt.